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ÄSTHETISCHE KRITERIEN

Die Voraussetzung dieses Beitrages ist die Kunstfähigkeit der digitalen Literatur. Ihre Situation ähnelt der des Romans im 18., der Fotografie im 19. und des Films im frühen 20. Jahrhundert. Ebenso wie diese damals muß die digitale Literatur heute ihre Innovationskraft gegenüber den etablierten Literatur- und Kunstgattungen belegen und sich somit ihre Dignität als Gegenstand theoretischer Bemühungen erst 'erarbeiten'. Die bisherigen Ausführungen haben schon angedeutet, daß in diesem Zusammenhang der Kunstbegriff und die ästhetische Praxis neu diskutiert werden müssen. Die Digitalisierung der Kunst geht einher mit veränderten Produktions-, Distributions- und Rezeptionsbedingungen, sie schafft neue Symbolisierungsweisen und erfordert eine Neubetrachtung der Rolle künstlerischer Werke im Selbstinterpretations- und -integrationsprozeß der Gesellschaft. Einige Stichworte der Vertiefung sind die isolierte Rezeption an und in einer Maschine, die Interaktivität der Rezeption, die besondere institutionelle Sachlage und das besondere Verhältnis von Fiction und Realität. Im Hinblick auf all diese Faktoren ist eine Ästhetik der neuen Medien generell notwendig. Von den umfangreicheren Arbeiten, die dazu vorliegen, sei nur auf Bolter/Grusin, Bolz und Heim verwiesen.

Bestandteil eines solchen Unternehmens ist auch die Erarbeitung einer Ästhetik der digitalen Literatur im besonderen. Diese zielt im Sinne der angewandten Ästhetik weniger auf die Seinsbestimmung der Kunst als solcher als auf die Modalitäten und Effekte ihrer Operationen. Hier sind der Einsatz der gegebenen poetischen Mittel zu erörtern sowie die besonderen Merkmale der ästhetischen Praxis wie Interaktivität (Mitarbeit des Rezipienten am Aufbau des Werkes), Performativität (Immersion des Rezipienten in die Handlung) und die technische Basis der ästhetischen Handlung (Softwareentwicklung durch Programmierer, Softwarekompetenz des Künstlers, technische Ausstattung der Rezipienten). 

Die Suche nach allgemeinen Kategorien einer Ästhetik der digitalen Literatur wird freilich erschwert duch den Einsatz verschiedener Softwareprogramme, die der künstlerischen Umsetzung jeweils unterschiedliche technische Voraussetzungen bieten. Bezog sich der Einwand gegen eine normative Ästhetik bzw. Poetik und die Forderung einer "Ästhetik im kleinen" (Jean Paul, 368) bisher immer auf das "Operativprogramm, das der Künstler von Fall zu Fall entwirft" (Eco, 10), so differieren im Kontext der digitalen Literatur bereits die technischen Voraussetzungen der künstlerischen Gestaltung. Dies soll jedoch nicht daran hindern, gemeinsame Eigenschaften der Softwareprogramme festzuhalten und von diesen ausgehend allgemeine Kriterien aufzustellen, die eine systematische Diskussion ermöglichen. Ich sehe sechs Hauptaspekte, die im folgenden kurz vorgestellt und teilweise ausführlicher diskutiert bzw. an Beispielen illustriert werden sollen. 

  1. Multimedialität 
  2. Technikästhetik 
  3. Performance 
  4. Navigationspflicht 
  5. Links 
  6. Bildschirmästhetik

 

Multimedialität

Digitale Literatur erfordert vom Autor eine multimediale Kompetenz. Dies führt entweder zur Zusammenarbeit verschiedener Spezialisten (des Wortes, des Bildes, des Tones uws.), zur Vereinigung des Spezialistentums in Personalunion oder, im schlimmsten Fall, zum Dilettantismus auf einem oder mehreren Feldern des ästhetischen Ausdrucks. Die besondere Mischung der Medien in der digitalen Literatur bringt darüber hinaus Aspekte mit sich, deren Entwicklung nicht von der Kompetenz der Autorin abhängen, sondern von den Wahrnehmungsgewohnheiten des Publikums. Dies sei an einem Beispiel der Textanimation illustriert. 

In Susanne Berkenhegers Hyperfiction Zeit für die Bombe (vgl. die Besprechung in dichtung-digital) gibt es den dramatischen Moment, da Iwan einen fremden Koffer öffnet und an einer gefährlich aussehenden Metallkonstruktion den verbotenen Knopf drückt. Daraufhin erscheint die Botschaft: "Die Bombe tickte". Der Text ist performativ, denn das Wort >Bombe< erscheint und verschwindet in kurzem Intervall und führt damit die Mitteilung selbst aus. Die vorgenommene Animation ist mit einem Blink-Kommando im HTML-Code einfach zu programmieren, gibt aber Anlaß zu prinzipiellen Überlegungen: Hätte nicht das Wort >ticken< statt Bombe blinken müssen? Aus ästhetischen Gründen sicher nicht, denn das Blinken zwischen zwei Fixpunkten wirkt eindrucksvoller – ein blinkendes Ende würde den Eindruck der Gefahr reduzieren, da die Gefahr am Ende des Zuges abgekoppelt werden kann, jedenfalls nicht so verhängnisvoll erscheint wie in seiner Mitte. Auch aus logischen Gründen wäre dies die falsche Wahl gewesen. Das Verb >ticken< bezeichnet die Handlung eines Subjekts, es ist also sinnvoll, die Handlung auch am Subjekt zu zeigen. Hier stoßen wir allerdings auf ein semiotisches Paradox: wenn das Ticken der Bombe durch die Animation inszeniert wird, wozu muß es dann noch gesagt werden?! Im Theater werden die Regieanweisungen der Textvorlage schließlich auch nicht mitgesprochen. 

Durch ihre digitale Präsenz kann Hyperfiction den Text 'ausführen' und ist so gesehen, auch wenn es nur aus Text besteht, ein Doppelmedium. Das führt zwangsläufig zum ästhetischen Problem der Redundanz. Wenn auf der Bühne etwas gesagt wird, was ohnehin jeder sieht, verzeiht man dies nur, wenn es wiederum die Funktion hat, den Wahrnehmungsprozeß einer Figur darzustellen, also schon wieder etwas anderes bezeichnet. Andernfalls läge eine Redundanz der Ausdrucksmittel vor. Hätte im vorliegenden Fall also das Verb gestrichen werden sollen? Es überlebt ja als Animation. Das mag komisch aussehen, aber vielleicht beginnt gerade hier die Veränderung, die unsere Sehgewohnheiten, unsere ästhetischen Erwartungen vollziehen müssen. Indem man dies bedenkt, ist schon klar, daß damit noch nicht das Ende der Substitution der Medien erreicht ist: der nächste Schritt wäre das blinkende Icon einer Bombe, der übernächste die Ersetzung des Blinkens durch ein hörbares Ticken. 

Selbst dieses ganz auf dem Text aufbauende Beispiel verweist damit auf die Visualisierung als einem Wesensmerkmal der Multimedialität digitaler Literatur. Die Rückkehr des Visuellen infolge der digitalen Revolution wird in der aktuellen Debatte sowohl vehement beklagt wie begrüßt. Vom Verlust der Sprachkultur ist die Rede (Sanders), von der Vertreibung der Kontemplation durch die anstrengungslose Anschauung, wobei im Gegenzug die Rückkehr des Visuellen als Brechung des westlichen Logozentrismus apostrophiert wird. Im Feld der ästhetischen Praxis gibt es diese Debatte spätestens seit der Erfindung des Kinos, dessen Wirkung Kafka einmal als Entmündigung des Zuschauers zum Objekt beschrieb: "Das Kino stört das Schauen. [...] Der Blick bemächtigt sich nicht der Bilder, sondern diese bemächtigen sich des Blickes." (Janouch, 105) Im Falle der digitalen Literatur geht es zunächst weniger um die Substitution der Schrift durch das Bild als um deren Komplementierung. Das Bild wird als zusätzliche Aussagefläche mit dem Text verwoben. 

Deutlich wird dies an einem Beispiel, das zwar schon im Titel das Visuelle anruft, dieses aber nur in Einheit mit dem Begleittext zur Wirkung kommen läßt. Jürgen Daibers und Jochen Metzgers 1998 im Pegasus-Wettbewerb preisgekrönter Beitrag Trost der Bilder (vgl. die Besprechung in dichtung-digital) bietet verschiedene Kurzgeschichten, die in sich linear erzählt sind und Text mit animiertem Bild verbinden. In einer der Geschichten hat sich ein Mann die Pulsadern geöffnet. Es wird berichtet, wie das Blut auf dem Teppich eine Lache bildet, der Leser interpretiert das im Hintergrund des Textes kreisende runde, rötliche Gebilde bereitwillig als Blutlache. Als das Telefon klingelt, beschließt der Selbstmörder zu warten, ob es zehn weitere Male klingeln würde, dies dann als Schicksalszeichen zu nehmen und umgehend den Notarzt zu rufen. Das Telefon klingelt weitere zehn Mal. Aber der Anruf hält nicht, was er versprach. Mit italienischem Akzent meldet sich der Pizzaservice, der seinem Computer entnimmt, daß der Adressat bereits neun Pizzen bestellt hat, und nun die zehnte als freie Lieferung anbietet. Damit endet die Geschichte. Das kreisende Gebilde hat sich verkleinert und ist am Textende zur Ruhe gekommen, deutlich erkennbar jetzt als Salamipizza. Sie bildet im doppelten Sinne den Schlußpunkt der Geschichte; eine Pointe, die gut gesetzt ist und mit der vorgenommenen Transformation von Blutlache zu Pizza die verfahrene Situation des Selbstmörders schlagartig vermittelt. 

Dieses Beispiel zeigt, wie Multimedialität zur Dekonstruktion eingesetzt werden kann. Legt der Text zunächst eine Signifikation des Bildes nahe, die dem Denotat des Textes entspricht, transformiert die Verkleinerung des Bildes dieses zur Banalität und nimmt dem beschriebenen Akt des Selbstmordes jegliche existentielle Würde. Der Vorgang der Dekonstruktion scheint die Entscheidung des Selbstmörders zu bestätigen, womit die Geschichte auf einen makaberen Pessimismus hinausliefe. Andererseits, auf einer höherstufigen Textebene, führt dieser Vorgang zugleich die Kontextabhängigkeit der Signifikation vor Augen, worin der moralische Grundton der Erzählung versteckt liegt: die Anwendung dieser Erkenntnis aus der Rezeption der Erzählung auf deren Inhalt fordert, eine so folgenschwere Entscheidung wie den Selbstmord aufzuschieben, bis sie sich in neuen Kontexten als übereilt herausstellt. 

 

Technikästhetik

Die Ästhetik der digitalen Literatur ist in hohem Maße eine Ästhetik der Technik, denn die künstlerischen Ideen müssen in die Materialität des Stroms überführt werden, ehe sie auf der Ebene sinnlicher Vernehmbarkeit erscheinen können. Dies erfordert vom Autor eine weitere bisher nicht notwendige Qualifikation: neben der ästhetischen (und zwar multimedial) ist die technische nötig. Auch hier stellt sich die Frage der Personalunion oder der kollektiven Autorschaft. Die Gefahr liegt (ob Personalunion oder Kooperation) im Ungleichgewicht zwischen künstlerischem und technischem Engagement, darin, daß entweder eine Aussage nicht in der Weise technisch umgesetzt wird, wie es ihr angemessen wäre, oder daß der technische Effekt keinen semantischen Gehalt besitzt, der über den bloßen Verweis auf sich selbst hinausginge.  

Unmittelbar aus dieser Situation resultiert, dass der Autor gezwungen ist, die Rolle des Lesers einzunehmen. Damit ist nicht der banale Umstand gemeint, daß kaum eine Zeile geschrieben wird, ohne daß Tausende zuvor gelesen wurden. Es geht vielmehr um die verschiedenen Realisierungsebenen im Hinblick auf digital generierte Ausdrucksformen. Insofern der Autor Programme und Editorenn benutzt, die wiederum auf bestimmten Computersprachen aufbauen, ist sein Text von verschiedenen anderen Autoren (eben jener vorangegangenen Sprachordnungen) abhängig: seine Autorschaft beruht in den meisten Fällen und zumeist in hohem Ausmaße auf dem Analphabetismus hinsichtlich eben jener Sprachordnungen.

Ein dritter Aspekt der Sachlage, der wiederum unmittelbar aus dem zweiten folgt, ist das technische Zitat, das heißt die Übernahme fremder Programmscripts für die eigenen Zwecke. JavaScripts und Java Applets werden auf verschiedenen Webseiten kostenlos oder gegen Bezahlung angeboten. Der Autor kann sich hier bedienen, um seinen ästhetischen Intentionen technisch Ausdruck zu verleihen (was in einigen Fällen wohl auch dazu führen wird, die Intentionen den vorgefundenen Angeboten anzugleichen). Welche Folgen hat es für Autorschaft, Originalität und Authentizität, wenn wesentliche Effekte des Textes aus dem Rechenvermögen anderer resultieren? Ist die Reinheit der, wenn auch etwas mager ausgefallenen Eigenproduktion höher zu berwerten als die bedenkenlose Anleihe bei anderen auf der Suche nach dem besten Weg, das Eigene auszudrücken?  

Ein vierter Aspekt der Technikästhetik ist der Umstand, daß die Effektivität der Effekte von den technischen Voraussetzungen der Leser abhängt. Die Ausstattung mit den entsprechenden Programmen und Plug-ins sowie eine ausreichend hohe Geschwindigkeit des genutzten Übertragungskanals sind Bedingung dafür, daß visuelle und akustische Ausdrucksformen auf der Ebene sinnlicher Wahrnehmbarkeit überhaupt in entsprechender Weise erscheinen. Der Sinngebungsprozeß des Rezipienten findet seine Grenzen in der Leistungsfähigkeit seines Computers, der Mangel auf dieser Ebene führt, wenn man so will, zu einem partiellen Analphabetismus. Die Herausforderung des Autors besteht darin, nicht nur Geschichten, Gedanken und Stimmungen mittels Technik besser zu kommunizieren, sondern zugleich zu vermeiden, daß die Technik dabei zu Kommunikationsverlusten führt. 

Was das oben angesprochene Mißverhältniß zwischen technischer Kompetenz und ästhetischem Sinngebungsvermögen betrifft, so handelt es sich um eins der Grundprobleme digitaler Literatur. Die oft anzutreffende ambitionierte Präsentation des Bedeutungslosen erinnert gewissermaßen an die Ornamentalisierung des Funktionalen, mit der der Kitsch seit Erscheinen des Industriegutes dem inhaltlich bzw. funktional Einfachen formale Extraqualitäten geben will: der Schnörkel der digitalen Literatur ist, wenn man so will, der technische Effekt, der nicht natürlich aus dem Inhalt erwächst. Die Erscheinung des technischen Effekts um seiner selbst willen führt in der Konsequenz zu einer Gestimmtheit des Technischen, welche durch die formale Interaktivität der digitalen Literatur noch gefördert wird, die den Nutzer oft vordergründig auf die Erkundung der technischen Effekte orientiert. Hier wäre auf die rezeptionsästhetische Kitschdefinition von Ludwig Giesz zu verweisen, in der es heißt: "Im Kitscherleben ist ähnlich wie im Behagen die spezifische Distanz des Ästhetischen zugunsten eines Zustandsgefühls weitgehend unterdrückt" - während sich die Rezeption von Kunst durch die "Fernstellung von Ich und Gegenstand" auszeichne. (1954, 407

Ergibt sich somit eine Bestimmungsmöglichkeit des Kitsches auf dem Feld der Technik aus dem Mangel der Semantisierung, so definiert sich Kitsch andererseits auch durch ein Zuviel an Semantisierung. Kitsch nimmt stets den kürzesten Weg, er vermeidet die formale Irritation, die kognitiv aufwendige Transformationsoperationen erfordert, und tendiert zu einer "eins-zu-eins-Relation von Signifikant und Signifikat" (Putz, 129). Ein Beispiel dafür wäre im vorliegenden Zusammenhang, wenn in einer Hyperfiction das Wort >Leere< verlinkt ist und dieser Link nichts als einen leeren Bildschirm ergibt, was so folgerichtig wie plakativ und leer in sich selbst ist. Hinsichtlich der Bestimmung des Kitsches digitaler Literatur als Gestimmtheit des Technischen ist allerdings zu prüfen, inwiefern die damit zugrundegelegte Dichotomisierung von Identifikation und Distanz auf alte ästhetische Normen rekurriert, die keine Relevanz für die digitale Literatur beanspruchen können. Inwiefern ist die Stigmatisierung des unmittelbaren, sinnlichen Erlebens, das im Zeitalter der Empfindsamkeit z.B. noch ein anerkannter ästhetischer Wert war, der Entwicklung der Kunst am Ende des 20. Jahrhunderts noch angemessen? Könnte für die digitale Literatur auch eine anders gewichtete Psychologisierung des Rezeptionsprozesses gelten, in der gerade die Feier des Technischen als Wert und eigentliches Ziel anzusehen wäre?

  

Performance

Die Möglichkeit der Animation des Textes führt dazu, daß die Autorin noch den direkten Rezeptionsvorgang des Lesers als Träger einer Aussage nutzen kann. Recht vordergründig wird dies eingesetzt in einem Beitrag des Pegasus-Wettbewerbs 1998 mit dem Titel 41 Fragen zum Zeitdiebstahl, der den Node mit dem Text "In der heutigen Zeit ist es sehr wichtig, schnell zu handeln und sich schnell zu entscheiden, auch wenn die Qualität Ihrer Handlungen darunter leidet. Stimmen Sie dieser Aussage zu? Ja / Nein" ganze fünf Sekunden stehen läßt. 

Ebenso eignet sich die gewonnene Macht über den Rezeptionsvorgang zur Immersion des Lesers in den Text. Ein Beispiel dafür gibt wieder Susanne Berkenhegers Hyperfiction Zeit für die Bombe. Bevor man auf die Seite mit der blinkenden Bombe kommt, muß ein Link aktiviert werden, der den Akt der Auslösung des Zeitzünders auslöst. Danach kann der Leser die Textsegmente folgerichtig nicht mehr beeinflussen, sie laufen automatisch ab, bis Iwan den Koffer schließt, um nicht sehen zu müssen, wieviel Zeit ihm noch bleibt. Indem das Erscheinen der Seite mit der Zeitangabe auf eine halbe Sekunde programmiert wurde, vollzieht der Leser gezwungenermaßen Iwans Abwehr des genauen Wissens nach und wird somit faktisch in die Geschichte gezogen. Diesen Immersionseffekt hat bereits der Anfang der Hyperfiction, wenn einige Seiten automatisch ablaufen, in denen die Hauptheldin Veronika eingeführt wird. Der hier erzeugte visuelle Rhythmus drückt den von den Worten evozierten Sinn noch einmal aus und wirkt zugleich immersiv, indem er den Leser in der Geschichte ebenso gehetzt ankommen läßt wie die Veronika in der Geschichte auf dem Moskauer Bahnhof. 

 

Navigationspflicht

Neben der bereits angesprochenen Kompetenzkooperation des bzw. der Autoren besteht auch eine geteilte Autorschaft im Autor(en)-Leser-Verhältnis. Der Leser wird veranlaßt, im Rahmen der vom Autor geschaffen Alternativen an der Organisation des Textes teilzunehmen. Diese Aktivierung des Lesers verändert radikal den Rezeptionsprozeß: Leser stellen nicht mehr nur verschiedene Kommunikate anhand eines gleichen Textes her, sondern nehmen die subjektive Bedeutungszuschreibung an einem individuell zusammengesetzten Text vor. Dies stellt wirkungsästhetisch die Intentionsmöglichkeit des Autors in Frage und produktionsästhetisch die Einsatzmöglichkeit traditioneller stilistischer Mittel wie Spannungsbogen, Klimax und Endauflösung. Es eröffnet aber noch eine ganze Reihe weiterer Fragen, unter anderem (wie den bereits angesprochenen Aspekten der extensiven/intensiven Lektüre und der Kontemplation), inwiefern diese kombinatorische Offenheit die konnotative Offenheit eines Textes unterstützen kann. Dazu zwei Beispiele. 

Die Aaleskorte der Ölig von Dirk Günther und Frank Klötgen – Preisträger des Pegasus-Wettbewerbs 1998 – berichtet in 20 skurilen Szenen über die Tötung und den Verkauf eines Aals (vgl. die Besprechung in dichtung-digital). Die Leserin kann vor Ablauf des Stückes aus fünf gegebenen Figuren die Perspektive der Berichterstattung wählen. Sie kann dies in einer Normalvariante tun, die unter den Icons der Figuren verheißungsvolle, aber für die Auswahl nicht sehr hilfreiche Sprüche liefert, wie: "Der Aal riecht das Geschlecht des Schlächters" oder "Der Erzähler packt Angst mit in die Tüte". Man kann die Auswahl auch im, wie es heißt, High Speed Verfahren durchführen, das heißt durch eine entsprechende Markierung in einer Übersicht, die jede Szene und deren Mitspieler aufführt. In jedem Falle hat man rund 6,9 Millarden Erzählvarianten vor sich. Die Szenen selbst bestehen aus einem Foto und einem kurzen Text, der den Vorgang beschreibt oder kommentiert. 

Dieses multimediale Stück weist keine hypertextuelle Naviagationstruktur im traditionellen Sinne auf, arbeitet aber dennoch ausgiebig mit der durch die Navigationsoffenheit gegebenen Perpektivenvielfalt. Die Mahnung am Ende eines Durchlaufs, die Szenen neu zusammenzustellen, und das Versprechen "Sie werden den Film mit anderen Augen betrachten und immer mehr Licht ins Dunkel bringen", bedient die Rhetorik der Hypertext-Debatte. Zugleich wird das Versprechen der Aufklärung durch Vielfalt ad absurdum geführt. Die Leser mögen beginnen, die Hyperfiction in ihren verschiedenen Varianten zu rezipieren, sie wissen genau, daß sie damit nicht etwas ent-decken, was zuvor im Text versteckt wurde. Die Autoren haben keine Kombinationen angelegt, die immer mehr Licht ins Dunkel bringen könnten, sondern mechanisch einen Perspektivenreichtum kreieren lassen, der sich in seiner Übertreibung erschöpft. Sie bieten den Lesern Texte an, die sie selbst nie gelesen haben. Das ist im Grunde die Verabschiedung der Literatur von einer ihrer wesentlichsten Voraussetzungen: dem (existentiellen) Ringen um den Ausdruck einer Sache. Der Leerlauf dieser Hyperfiction erfolgt zugleich auf einer Ebene relativ hoher sprachlicher und fotografischer Qualität und versteht es somit sehr gut, die Leser an ein Werk zu binden, das von Anfang an mit ihnen spielt. Insofern ist die Aaleskorte eine grandiose Parodie auf ihr eigenes Medium, ein Beispiel für die Verdrängung der konnotativen Offenheit durch die kombinatorische. 

Ein Beispiel für die Unterstützung der konnotativen Offenheit durch die kombinatorische ist Michael Joyce's Hyperfiction Afternoon, a Story die mit dem Satz beginnt: "I wanted to say I might have seen my son die this morning." Diese Erzählung handelt von einem Schriftsteller, Peter, der glaubt, neben dem verunglückten Auto, das er im Vorbeifahren an Krankenwagen und Polizei gesehen hat, die Körper seiner Ex-Frau und seines Sohnes entdeckt zu haben. Die Suche Peters nach Aufklärung führt per default-Links zu verschiedenen Personen seines Umfeldes und endet nach 36 Nodes mit der Entscheidung, nicht das Krankenhaus anzurufen, sondern Lolly. Mit Lolly wird eine neue Figur in die Geschichte eingeführt und zugleich endet diese hier, insofern es keinen Link mehr gibt. Die Suche nach Aufklärung wird abgebrochen. Natürlich handelt es sich keineswegs um das Ende. Die Leserin muß sich zurück in den Text begeben und anders navigieren und auf diese Weise nach und nach die restlichen der 539 Nodes erkunden, die der Text mittels 951 Links untereinander verbindet. 

Die Entscheidungen, die man bei der Link-Wahl trifft, bestimmen, welche Teile des Gesamttextes man in welcher Reihenfolge liest. Die Kombinationsmöglichkeiten der Navigation sind auch hier unermeßlich, aber der Autor arbeitet gezielter mit ihnen als im Falle der Aaleskorte. So sind bestimmte Nodes erst nach der Lektüre anderer zugänglich und so gibt es Nodes, von denen aus der gesamte Text in der Tat in einem neuen Licht erscheint. Ein Node etwa offenbart, daß Peters Chef sich nicht nur ein Verhältnis mit seiner Exfrau wünscht, sondern hat, ein weiterer gibt zu vermuten, daß Peter von diesem Verhältnis weiß. In dieser Version sieht Peter, auf dem Weg zur Arbeit, seine Exfrau und seinen Sohn im Auto seines Chefs, verliert, geschockt von dieser Entdeckung, die Kontrolle über sein Fahrzeug und verursacht selbst den Unfall: "In an ironic twist, Peter himself causes the accident that injures or kills his wife and son-an it may be his feelings of guilt that prompt an amnesiac search for their whereabouts" (Douglas, 167). Wenn der Leser nun wieder auf den Node stößt, in dem Peter sich entscheidet, statt des Krankenhauses Lolly anzurufen, bedeutet dies nicht mehr Abruch der Suche nach Aufklärung, sondern ist das Ergebnis einer erfolgten Einsicht. Lolly ist, wie die Leser inzwischen wissen, Peters Psychotherapeutin: "he calls Lolly to assuage his guilt." (Douglas, 167) Peters Suche nach der Antwort auf die Eingangsfrage, die von Anfang an eine Flucht vor dem Wissen war, endet im Eingeständnis dessen, was diese Suche, als Umherirren von Node zu Node, nur verdrängen sollte. 

 

Links

Die Vernetzungsstruktur des Hypertextes wird oft als Befreiung des Lesers vom Dogma des linearen Textes zur Intertextualität apostrophiert. Ein genauerer Blick zeigt schnell die neue Beschränkung: Intertextualität, die natürlich auch im traditionellen Lektüreprozeß aufgrund der im Assoziationsfeld des Lesers zur Verfügung stehenden gelesenen Texte existiert, wird durch Links vom Autor vorgegeben. Der theoretische Rückbezug einiger Hypertext-Theoretiker auf Roland Barthes’ Rede vom Tod des Autors (Barthes) beruht zum Großteil auf einem Mißverständnis: während Barthes im Sinne der Rezeptionsästhetik die Position des Lesers bei der Erzeugung des Textsinnes stärkte und die des Autors schwächte, wird dies in der Hypertext-Debatte weniger auf die Interpretation als auf die Zusammenstellung des Textes angewandt und damit der Faktor der Freiheit von der konnotativen Ebene auf die kombinatorische verschoben. Hier ist zu bedenken zu geben, daß das Assoziationsvermögen der Leser durch die Notwendigkeit der Navigation nicht erhöht, sondern zum Teil sogar verstellt wird. Die heutigen Hypertexte arbeiten mit ‘precooked’ Links und stehen für eine ‘programmierte Intertextualität’, die man eher als Bevormundung denn als Befreiung des Lesers bezeichnen könnte. 

Man kann die Vorgabe der Links im positiven Sinne der Gestaltungsmacht des Autors auch als Zugewinn einer zusätzliche Aussageebene sehen. Insofern der Link Organisationsmöglichkeiten des Textes vorgibt, Verbindungen erstellt, unterläßt, versteckt oder falsifiziert, ist er nicht nur Mittel der Verbindung von Aussagen - "A link is simply a connection between parts of text or other materials" (Nelson, 2/20) -, sondern selbst eine solche. Die Aussage, die er vermittelt, kann wiederum aus verschiedenen Koordinaten bestehen: a) Labelung des Links, die explikativ, komplementär, additiv oder dekonstruktiv zum Text in den Nodes erfolgen kann, b) Richtung des Links, so etwa von Wort zu Wort, von Wort zu Node, von Node zu Node oder mit multiplem Endpunkt zB. in ein Frameset mit mehreren Nodes, c) Charakter und Effekte des Links: one way oder return, programmierte Zugänglichkeit [ guard fields] oder auch Vortäuschung eines Link. Ich will im folgenden eine gelungene Semantisierung des vorgetäuschten Links vorstellen. 

Mein Beispiel ist aus Stuart Moulthrops Hegirascope. Im Node Nummer 048 wird ein Traum erzählt, der mit den Worten beginnt: "This is the dream of remote control. In this dream you can press a button whenever you like and totally reconceive the world around you. Click, you are two hundred feet tall looking down on sleeping suburbia […]." So gelassen wie hier kann man diesen Traum allerdings nicht lesen. Nach 10 Sekunden, also gleich nach dem Versprechen der Kontrolle per Knopfdruck, verschwindet der Node und macht einem schwarzen Bildschirm Platz, in dessen Mitte gelb hervorgehoben >click< steht. Der Druck auf die Maus bringt allerdings keinen Erfolg. Da keine andere Möglichkeit angezeigt ist, muß man die Backtaste drücken, um den Traum weiter zu lesen, und natürlich wechselt der Node nach 10 Sekunden erneut. Man ist also gezwungen zwischen den Seiten hin und her zu springen, es sei denn, man wartet, bis der schwarze Bildschirm nach 30 Sekunden automatisch einem neuen Node weicht. Aber auch 30 Sekunden Wartezeit vor einem schwarzen Bildschirm sind Zeit genug, die eigene Ohnmacht zu fühlen. In beiden Fällen erkennt man, daß einem nicht nur die erhoffte Fernkontrolle nicht zugänglich ist, sondern im Gegenteil man selbst aus der Ferne gesteuert wird. 

Diese Passage demontiert den Traum, welcher den Mythos des Internet verkörpert; den Traum, zu allem überall und jederzeit per Klick Zugang zu haben. Dieser Traum zerfällt in der Wartezeit am schwarzen Bildschirm bzw. im Hin-und-her-Eilen, um wenigsten die Sätze, die das nichtgehaltene Versprechen machen, auslesen zu können. Die Aussage wird weder in der Sprache der Schrift, des Bild oder des Tons vermittelt, sie liegt allein in der programmierten Zeit- und Linkstruktur. Da der Text insgesamt selbst zum Traum gehört (denn er ist Internet), demontiert er auch sich selbst. Diese doppelte Dekonstruktion wird greifbar, wenn man der ersten nicht glaubt, und neben dem falschen Link im Dunkel des Bildschirms auf all die versteckten tatsächlichen Links trifft, die bei Mausberührung rot aufleuchten. Hier ist wiederum nicht ohne Bedeutung, daß man auf acht statt, wie sonst in den Nodes dieser Hyperfiction, auf vier Links stößt. Das heißt, nicht nur gibt es doch Verbindungen, insofern man sie nicht an den angegebenen, konventionellen Plätzen sucht, es gibt sogar doppelt so viele wie gewöhnlich.

  

Bildschirmästhetik

Eine Folge der Strukturierung der digitalen Literatur und ihrer Präsenz am Bildschirm ist die Verkleinerung der Erzähleinheiten auf ein im Bildschirm faßbares Maß. Da der Scrollvorgang am Bildschirm als nutzerunfreundlich empfunden wird, tendieren die Autoren zur bildschirmgerechten Strukturierung ihrer ‘Texte’. Das Medium bestimmt, wie jedes andere Medium auch, den künstlerischen Gestaltungsprozeß. Dies hält einige Gefahren für die stilistische Umsetzung parat. So schreibt Janet Murray in ihrem Buch Hamlet on the Holodeck: "In long stretches of dialogue or extended scenes, the screen-unit can punctuate the action creating a series of small focused moments. This rhythm of narration could lead us closer to a sitcom writing style, in which we need a laugh (or a sob) every 20 seconds." (148)

Darüberhinaus stellt sich die Frage bildschirmgerechter Stilformen auch im Hinblick auf die Multimedialität der digitalen Literatur. Wird der Bildschirm zur Gestaltungseinheit, so ist das Arrangement der Wörter bzw. der Wörter und Bilder im Blick auf diesen zu bedenken und zu bewerten. Die Füllung des Bildschirms mit nur einem Wort z.B. besitzt vor diesem Hintergrund eine andere Aussagekraft als das Einzelwort, das als Zeile oder Absatz in einem fortlaufenden Drucktext erscheint. Ebenso sind hier das Verhältnis von Bild- und Schriftgröße sowie Bild- und Schriftanordnung relevant.

Die hier gegebenen Kategorien und Beispiele sollten die ästhetischen Möglichkeiten der digitalen Literatur vorstellen und die Perspektiven einer theoretischen Erfassung des Gegenstandes aufzeigen. Es gilt nun, die Kategorien in der Bewertung konkreter Werke einzusetzen und auf ihre Beschreibungseffektivität zu prüfen. Neben den aufgeführten Kategorien – die sich gewiß erweitern und modifizieren lassen – sind freilich die traditionellen Kategorien anzuwenden, die der Einsatz der traditionellen Ausdrucksmittel wie Foto, Film, Text und Musik im einzelnen erfordert. Handlungsaufbau und Charaktergestaltung sind ebenso zu analysieren wie Bildaufbau, Filmschnitt, Melodieführung sowie der Einsatz stilistischer Mittel (Metaphern, Zitate, Analogien) in allen traditionellen Sprachen des künstlerischen Ausdrucks.


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