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HYPERFICTION ALS OFFENES KUNSTWERK Das ästhetische
Selstverständnis der Hyperfiction-Autoren besitzt von
Anfang an jenen Ton der selbstgerechten Überzeugung,
der künstlerischen Manifesten und Innovationen
eigen
ist. Demenstprechend groß sind die utopischen
Hoffnungen, die an den Hypertext als Strukturprinzip
gebunden werden. "[T]he traditional novel", schreibt
Coover nicht ohne ironischen Beiton, "is perceived by its
would-be executioners as the virulent carrier of the
patriarchal, colonial, canonical, proprietary, hierarchical
and authoritarian values of a past that is no longer with
us". Coover fährt fort, nun ohne Ironie: "hypertext
presents a radically divergent technology, interactice and
polyvocal, favoring a plurality of discourses over
definitive utterance and freeing the reader from domination
by the author." Der philosophische
Referenzrahmen dieser euphorischen Worte ist leicht zu
erraten und wird auch reichlich ausgestellt. Postmoderne und
poststrukturalistische Theoretiker wie Barthes, Foucault,
Lyotard, Derrida, Deleuze und Guattari werden als
Bezugspersonen
herangezogen. Barthes Rede vom Tod
des Autors wird in
recht freier Interpretation auf das Autor-Text-Leser-Modell
der Hyperfiction angewandt. Und so wie jene Theoretiker vom
Phallozentrismus und von der Totalität westlicher
Rationalität sprechen, ist in der Hypertext-Debatte von
der Tyrannei der Linearität die Rede, von der der
Hypertext befreie: "[
] true freedom from the
tyranny of the line is perceived as only really possible now
at last with the advent of hypertext, written and read on
the computer [
]." (Coover, 1992) Hypertext
wird als Materialisierung der Dekonstruktion
apostrophiert, als Verwirklichung postmoderner Theorien mit
technischen Mitteln: "contemporary theory proposes and
hypertext disposes", resümiert Gerorg P. Landow
aphoristisch, "hypertext embodies many of the ideas and
attitudes proposed by Barthes, Derrida, Foucault, and
others." (1997,
91) Die Rhetorik ist
voller Aufbruch und Hoffnung, man möchte darin geradezu
die Achillesverse der Postmoderne sehen, aus einem
tieferliegenden Utopismus neue Kraft für die Haltung
der Relativität und Skepsis zu
schöpfen. Die Entwicklung zeigte
jedoch bald, daß die beschworene Freiheit des Lesers
bloß eine oberflächliche ist, da er nur die vom
Autor programmierten Alternativen realisieren kann. Gegen
den Begriff der Befreiung sprach auch, daß der Leser
im Text ziemlich verloren
ist, weder dessen Umfang kennt, noch die eigene Position
darin, noch, wohin die Links ihn führen und nach
welchen Kriterien er seine Entscheidung treffen
soll. Auf die Einsicht in die
fortwährende Macht des Autors über den Text und
dessen Leser gibt es eine radikale und eine moderate
Antwort. Erstere
mahnt zu wirklicher Interaktivität, was auf
Collaborative-writing-Projekte hinausläuft, auf MUDs,
Chatgroups und E-Mail-Austausch. Die moderate
bekennt sich, im Namen der Qualität, zur Autorität
des Autors und sucht nach einer Balance zwischen
Autorkontrolle und Leserfreiheit. Dies sieht in der Praxis
(z.B. in Stuart Moulthrops Hegirascope,
Mark Amerikas Grammatron
oder Susanne Berkenhegers Zeit
für die Bombe)
so aus, daß eine vorgegebene Ordnung in den Text
hineinführt, es also einen genauen Anfang gibt, der
z.T. als Folge verschiedener Nodes automatisch abläuft,
ehe eine Node mit Linkalternativen Navigation erfordert. Man
könnte von einem Trend zurück zum Autor sprechen
oder von einer postrevolutionären Situation, in der mit
abgekühlterem Blut und reichlich Erfahrung des Neuen
differenzierter erörtert wird, was am Alten
bewahrenswert ist. Wenn auch ein starker Bezug
zur modernen Philosophie besteht, so wäre es ungenau,
von einer Geburt der Hyperfiction aus dem Geiste der
Postmoderne zu sprechen. Sie entstammt ebenso dem Geiste der
Moderne, wenn nicht gar bereits des Barock. Hyperfiction ist
zwar eine Folge der Technik, aber gleichzeitig vollzieht
diese Technik nur etwas, was unabhängig von ihr und
lange zuvor von verschiedenen Vertretern der Weltliteratur
vorgedacht und in unterschiedlicher Weise praktiziert wurde.
Coover hat in seinem Artikel The End of Books einige
der historischen Vorläufer benannt: Laurence Sterne,
James Joyce, Raymond Queneau, Julio Cortazar, Italo Calvino
und Milorad Pavic. Es lassen sich weitere Autoren
hinzufügen und es wäre auf die Literatengruppe
Oulipo (Ouvroir de Littérature Potentielle) zu
verweisen, die sich 1960 um François Lionnais
sammelte, um traditionelle Literaturformen experimentell
aufzubrechen (vgl. Fendt, 112-117). Sie alle stehen für
Versuche einer Auflösung der Linearität und
Texthierarchie. Während dabei der Lexikonroman Das
Chasarische Wörterbuch (1984) von Milorad Pavic
(vgl. Hayes) den Link durch graphische Verweise auf
mögliche Anschlußstellen im Textgebilde
verkörpert, gehen Queneaus Cent mille milliards de
poèmes (Queneau) und Marc Saportas Roman
Composition No. 1 (1962) 150 lose,
unpaginierte Blätter im Karton soweit, die
Verlinkung ganz dem Leser zu überlassen. Die
Geschichte
der kombinatorischen
Dichtung reicht
allerdings viel weiter zurück. Eine Hochzeit hatte sie
mit den Poetikmaschinen des Barock. Berühmt ist Georg
Philipp Harsdörffers (1653) Wechselsatz aus dem
Poetischen Trichter (1648-63), berühmt
ist Quirinus Kuhlmanns Libes-Kuß
(1671), der einem Wechselspiel von 50 Wörtern in vier
Versen die Alternativenzahl von 3,4x10 hoch 17 berechnet
(das ergibt eine 77stellige Zahl). Im Apendix zu seinem
Gedicht Wechsel menschlicher Sachen" (1671) legt
Kuhlmann zugleich den philosophischen Grund dieser
kombinatorischen Dichtkunst offen: Alles wechselt;
alles libet; alles scheinet was zu hassen: Wer nur disem
nach wird denken/ muß di Menschen Weißheit
fassen". Hier
ergibt sich ein bemerkenswerter Bezug, den Umberto Eco in
seinen Überlegungen zum offenen Kunstwerk
eröffnet. Eco, der Luciano Anceschis Barocco e
Novecente (Mailand 1960) als Anreger für seine
Geschichte des offenen Kunstwerks nennt (35, Anm. 5), sieht
im Streben nach Bewegung und Illusion im Barock eine klare
Ausprägung der offenen Form (34).
Dieser Bezug ist v.a. deswegen von Interesse, weil Eco das
ästhetische Phänomen aus einer Lebenshaltung
erklärt, die sich mit der postmodernen Haltung
analogisieren läßt. Eco sieht die barocke
Geistigkeit zwar als "die erste deutliche Manifestation der
modernen Kultur und Sensibilität" (35,
Hervorhebung R.S.), aber was damit gemeint ist
nämlich die Loslösung von "der Norm des
Kanonischen (der Garantie für die kosmische Ordnung und
die Beständigkeit der Wesenheiten)" (35)
- ist der Loslösung vom Gedanken der Wahrheit
vergleichbar, den die postmoderne Konstellation von der
modernen unterscheidet. Die Verwandtschaft ist eine der
gleichen Befindlichkeit: nachdem der Mensch damals,
kopernikanisch belehrt, seinen kosmologischen
Mittelpunktstatus verlor, muß er heute, postmodern
aufgeklärt, auch den perzeptiven und apperzeptiven
Mittelpunkt in sich selbst aufgeben. Die kombinatorische
Dichtung, sei es die barocke Lyrikmaschine, sei es die
postmoderne Hyperfiction, ist die durchaus adäquate
ästhetische Präsentation eines
Lebensgefühls. Eco nennt in seinem Buch
neben Schriftstellern auch zeitgenössische Musiker, die
eine Ästhetik des Hypertext vollziehen, noch ehe es
diesen gibt. Karlheinz Stockhausens Klavierstück
XI, in dem dem Interpreten die Kombination der
musikalischen Phrasen überlassen wird, ist ein
Beispiel, Henri Pousseurs Scambi (Vertauschungen), wo
die Abschnitte ebenfalls frei zu kombinieren sind, ist ein
anderes. Man kann diesen Beispielen Vertreter anderer
Künste hinzufügen wie Merce Cunningham, der seine
Balettstücke per Würfel-Zufallsprinzip
choreographierte, und Ellsworth Kelly (geb. 1923, USA), der
Farbe und Gestalt seiner Bilder durch das Zufallsprinzip der
Würfel bestimmt. Ecos Konzept des offenen
Kunstwerks ist natürlich ein wichtiger Referenzpunkt in
der Hypertext-Debatte. (Fendt, 133) Allerdings unterscheidet
sich die in den Beispielen angesprochene Offenheit von
jener, die Eco im Blick hat, wenn er auf Franz Kafkas
Schloß als offenes Kunstwerke per excellence
eingeht. (37) Eco nennt denn auch die ersteren Beispiele
"nicht fertige Werke", während Kafkas Werk
"offen" ist im Sinne seiner semantischen Ambiguität und
"das bestimmte Bezeichnen eines unbestimmten Gegenstandes"
darstellt. (31) Man kann im einen Fall von einer
konnotativen, im anderen Fall von einer kombinatorischen
Offenheit sprechen. Letztere ist als sichtbare Offenheit
mechanisch und in gewisser Hinsicht banal. Sie
erschöpft das Prinzip, wie die barocken Poetikmaschinen
zeigten durch Übertreibung oft schon auf der
Oberfläche. Die Frage ist, ob und wie die
kombinatorische Offenheit der konnotativen dienen kann. Zwei
Beispiele für das Verfehlen und das Gelingen einer
solchen Zuarbeit werde ich im nächsten
Kapitel geben. Obgleich der Hypertext im
Feld der Literatur keineswegs den Erfolg hat, den ihm Coover
und andere Anfang der 90er Jahre voraussagten, entwickelt
sich inzwischen doch ein literarisches Feld
(Bourdieu) der digitalen Literatur. Dies geschieht durch
ausgeschriebene Wettbewerbe, durch Kommerzialisierung, durch
Rückkopplung zu Institutionen des traditionellen
literarischen Feldes, durch den Aufbau eigener
Meiningsinstitutionen und durch die Etablierung
entsprechender Meinungsführer mit ihren
Fraktionen.
Selbst im akademischen Bereich, dem konservativsten Teil des
literarischen Felde, wird der Existenz einer neuen Form der
Literatur inzwischen durch vereinzelte Publikationen
(Hautzinger, Schmundt, Wingert) und erste Dissertationsprojekte
entsprochen. Daß eine wissenschaftliche Behandlung des
Gegenstandes dringend notwendig ist, sieht man
spätestens dann, wenn die Jurys der deutschen und
amerikanischen Wettbewerbe für Internet-Literatur zu
einer Entscheidung kommen und diese auch durch stärkere
Argumente als das gemeinsame Votum begründen sollen.
Der deutsche Pegasus-Wettbewerb
macht diesbezüglich deutlich, daß die Kritik
bisher über keine elaborierten Bewertungskriterien
digitaler Literatur verfügt. Noch immer fehlt es an
einer Ästhetik der digitalen Literatur. Während es
reichlich klar ist, was man technisch machen kann, bleibt
ein Diskussionsdefizit in der Frage, was man vom
ästhetischen Standpunkt aus machen soll. Die
bisherige Diskussion orientiert sich v.a. auf Aspekte der
Usability und des Designs von Hypertext. Espen J. Aarseth
verweist auf diesen Umstand: "Previous attempts to discuss
hypertext rhetoric have mostly been concerned with what
might just as accurately be called hypertext poetics: design
rules for making communication by hypertext as efficient as
possible or focused on the activity of hypertext production"
(90). Es ist an der Zeit, Hyperfiction Poetics zu
diskutieren. |