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Hyperfiction

Was bedeutet es für literarische Hypertexte, wenn man nach Belieben von Textsegment zu Textsegment springen kann? Erstens, daß der Leser den Text erst fertig schreiben muß, zweitens, daß der Autor seinen Text nicht kennt (denn er kann meistens nicht all die ermöglichten Wege durch das Textgeflecht vorher selbst abschreiten), was drittens heißt, daß es den Text, bzw. den Text, gar nicht mehr gibt. Das bedeutet viertens, daß der Autor keine Geschichte mehr aufbauen kann, wie man sie von linearen Texten kennt, wo die verschiedenen Teile der Story eine Reihenfolge erhalten, auf die es ankommt. Der Leser einer linearen Geschichte mag mit dem Ablauf nicht immer einverstanden sein, er wird dem Autor trotzdem für die Mühe der Strukturierung dankbar sein. Man hätte vielleicht das eine oder andere Gewürz anders eingesetzt und vielleicht Butter statt Öl oder Huhn statt Rind genommen, insgesamt ist man indes froh, daß der Koch einem die Dinge nicht lose und im rohen Zustand an den Tisch bringt. Wer also sollte Freude daran haben, ins Restaurant zu gehen, wenn er dort selber kochen muß?! Mit Laura Miller, Herausgeberin des Online-Magazins Salon gesagt: "Its hard enough putting life in order without the chore of organizing someone else's novel."

Das Bild stimmt nur zur Hälfte. Hypertext ist zwar nicht fertig, aber er ist auch kein Korb unverarbeiteter Rohlinge. Im Gegensatz zu seinen gedruckten Vorbildern wie Marc Saportas Roman Composition No. 1 (1962), einem Karton mit 150 losen, unpaginierte Blättern, kommt die Hyperfiction nicht als Blattfolge. Die spontane Kombinationsmöglichkeit mag eine Hoffnung der Zukunft sein und war gewiß eine Vision der Vergangenheit, als Vannevar Bush 1945 seine Vision der Memex entwickelte. Die heutigen Hyperfiction arbeiten indes mit 'precooked' Links und stehen für eine 'programmierte Intertextualität', die man eher als Bevormundung denn als Befreiung des Lesers interpretieren muß.

Man kann die fortwährende Macht des Autors über den Text und dessen Leser im Namen der Qualität der Texte allerdings auch begrüßen. Die Vorgabe der Links stellt für den Autor eine zusätzliche Aussageebene dar, insofern der Link bestimmte Organisationsmöglichkeiten des Textes vorgibt und andere unterläßt. Die Labelung des Links, die explikativ, komplementär, additiv oder dekonstruktiv zum Text in den Nodes erfolgen kann, ist dabei eine weitere Bedeutungsebene, die der Interpretation offensteht. Die Sache ist mühsam, gewiß, und nicht immer weiß man, ob sie sich auch lohnt, denn oft genug ist es der Fall, daß Links und deren Namen wahllos gesetzt wurden und somit nicht mehr repräsentieren als sich selbst. Die Semantisierung der Links ist wohl das ästhetische Hauptproblem der Hyperfiction. Gerade die Möglichkeiten, die hier liegen, machen aber auch einen besonderen Reiz dieser Literatur aus.

Dieser Reiz kann mitunter recht zwiespältiger Natur sein und den Tatsbestand der Zumutung erfüllen. Micheal Joyce schreibt in seiner Hyperficiton Afternoon folgende Zeilen über den Lektüreprozeß und dessen Ende: "Closure is, as in any fiction, a suspect quality, although here it is made manifest. When the story no longer progresses, or when it cycles, or when you tire of the paths, the experience of reading it ends." Jenen, die wirklich enden wollen, ruft Joyce allerding hinterher: "there are likely to be more opportunities than you think there are at first. A word which doesn't yield the first time you read a section may take you elsewhere if you choose it when you encounter the section again, and sometimes what seems like a loop, like memory, heads off again in another direction […]" Diese Passage beschreibt einen Hauptaspekt der Hyperficiton: so wie es keinen eigentlichen Anfang gibt, gibt es kein klares Ende. Das Textgeflecht ist immer wieder neu zu erkunden und zeigt, entsprechend der Navigation immer wieder neue Gesichter. Das Hauptwort der Lektüre ist Oder: die Geschichte kann so sein oder, wenn man einen anderen Weg nimmt, so oder so oder so. Das führt in der Konsequenz zu zwei Zumutungen: Reintensivierung der Lektüre und Betrug ums Happy End.

1. Der Trick der Hyperfiction ist ihr Konservatismus mit modernsten Mitteln. Aus der Perspektive des äußeren Design scheint sie durchaus im Einklang mit dem Signum unserer Zeit zu sein. Die Gestik des Mausklicks spiegelt das Informationsbombardement und die Kommunikationsästhetik von MTV, womit wir zu leben gelernt haben. In der Hyperficiton fungiert die Gestik des Klicks allerdings als trojanisches Pferd. Indem der Text zu wiederholter Lektüre mit anderen Navigationspfaden einlädt, führt er mehr als zwei Jahrhunderte nach der Leserevolution und der Entwicklung der extensiven Lektüre zur intensiven zurück. Dies ist gewiß einer der Gründe, warum die Hyperfiction so wenig Freunde findet.

2. Ein andere ist der Betrug ums Happy End, bei dem es nicht um Hollywood und den guten Ausgang geht, sondern um die Erlösung, die jeder Ausgang bringt: die endlich gegebene Antwort auf all die entstandenen Fragen, die Erklärung, ob unsere Annahmen über den Text richtig waren oder nicht. Michael Joyce's Vorschlag, den Text zu verlassen, wenn er sich wiederholt und man der Meinung ist, genug gelesen zu haben, zielt nicht auf Vollendung, sondern Erschöpfung und unterschätzt die rezeptionspsychologischen Voraussetzungen der Lektüre. So überraschend und offen manches Ende textueller oder filmischer Geschichten auch sein mag, man hat zumindest Gewißheit, am Ende angekommen zu sein. Man hat einen Punkt, von dem aus die Dinge nun noch einmal überdacht werden können. Die Hyperfiction verwehrt diese Gewißheit, und zwar nicht in erster Linie, weil man nicht all ihre Textbestandteile lesen könnte - man kann die einzelnen Datein ausdrucken und hintereinander durchgehen -, sondern weil man nicht all ihre Kombinationsmöglichkeiten erfassen kann.

Damit wird dieser Art von Literatur zunächst nicht viel Vergnügungspotential zugetraut. Der technische Reiz des Klick-Response-Spiels und des willkürlichen Zusammenfügens der Nodes wird nicht allzu lang vorhalten, zumal es sich nicht um ein Puzzle handelt, das am Ende mit dem richtigen Bild belohnt. Die Frage ist letzlich, inwiefern die Navigationsalternativen eine zusätzliche Bedeutung des Gesamttextes produzieren, kompliziert gesagt: inwiefern die kombinatorische Offenheit des Textes dessen konnotative unterstützt.

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