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Hypertext
Was ist Hypertext? - so
lautet immer wieder die Frage. Und je nach Akzentlegung auf
Materialisierung oder Konzept handelt es sich um eine reine
Angelegenheit der digitalen Literatur oder um ein bestimmtes
Strukturierungsverfahren, das auch in
gedruckter Form vorliegen kann.
Geht man vom Begriff selbst
aus, ist die Frage eigentlich leicht zu beantworten: ein
Hypertext sind viele Texte. In diesem Numeruswechsel liegt
der ganze Sinn. Die Vorsilbe, die die Übersteigerung
einer nachgenannten Qualität anzeigt, legt eine Spur
zum technischen Konzept, aus dem Hypertext besteht.
Hypertext ist ein Netz von Texten, die untereinander
verbunden sind; wie in einem Buch das in Kapitel und
Unterkapitel eingeteilt ist. Andererseits ist es
überhaupt nicht wie in einem Buch, denn im Hypertext
fehlt die Reihenfolge, wie dieser Strukturbaum eines
Beispiels zeigt.
Es gibt keinen klaren Weg
durch das Ganze wie im Buch. Die Segmente (oder Lexias oder
Nodes) sind nicht linear angeordnet wie die Perlen einer
Kette, sondern in der Form eines Netzes, das mehrere Wege
von Punkt zu Punkt ermöglicht. Diese Alternative der
Verbindung drückt sich im einzelnen Segment durch eine
Mehrzahl von Links aus. Es ist dem Leser überlassen,
welchen er folgt. Die Segmente selbst können dabei
wieder Subnetze sein, wie folgende Graphik
andeutet.
Die Links ermöglichen
aber nicht nur Verbindungen zwischen unterschiedlichen
Ebenen. Sie verbinden auch nach draußen: als externe
Links führen sie aus dem jeweiligen Hypertext-Gebilde
fort in die Weiten des Netzes. Das ist nicht schwieriger,
als intern zu verbinden, denn bei korrekter Adressierung des
Links erreicht man die Website in einem Computer am anderen
Ende der Welt so sicher wie mit der richtigen Telefonnummer
den Präsidenten von Neuseeland. Regel Nr. 1: man
weiß nie, wohin man abspringt, wenn man den Link
klickt.
Ein Hypertext ist also eine
Einheit relativ unabhängiger Texteinheiten, sprich:
eins ist viele. Die zweite Verwirrung heißt: a ist
ungleich a, denn Hypertext ist nicht gleich Text. Als Ted
Nelson den Begriff Hypertext in den 60er Jahren prägte,
war der Computer keineswegs so bild- und tontauglich wie
heute. Inzwischen vermischen sich die Medien gnadenlos.
Deswegen sprechen einige lieber von Hypermedia als von
Hypertext. Auch dieser Begriff ist allerdings
mißverständlich, da zu viele dabei eher an den
gemeinsamen Einsatz verschiedener Medien denken - an einen
Videorecorder, der mit einem Computer verbunden ist, der als
Fernseher genutzt wird - als an die nonlineare
Verknüpfungsstruktur, auf die es ankommt. Eingeweihte
wissen diesbezüglich natürlich zwischen
Multimedia und Hypermedia zu unterscheiden,
womit der Begriff Hypermedia gegenüber Hypertext wieder
als der genauere erscheint. Zumeist werden die Begriffe
jedoch synonym gebraucht, wobei dem letzteren, als dem
traditionellen, der Vorzug gilt.
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Ein
sauber strukturierter Hypertext läßt
beim Leser («Anwender») gar nicht erst
den Eindruck aufkommen, er habe es mit einem
zusammenhängenden Text zu tun. Er besteht
statt dessen aus einzelnen Texteinheiten, die man
völlig zusammenhanglos und dennoch mit Gewinn
lesen kann. Dem Leser werden maximale
Bequemlichkeit und Unterstützung geboten er
darf zur nächsten Texteinheit blättern,
eine oder zwei logische Ebenen höher springen,
einen Index aufrufen, eine Volltextsuche starten,
vielleicht sogar einen Zufallssprung
ausführen.
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Der Gewinn der
Zusammenhangslosigkeit liegt hier darin, daß der
Hypertext wie ein Lexikon funktioniert. Es gibt relativ
abgeschlossene Einheiten, nach denen man sich diesem oder
jenem Stichwort auf der gleichen oder anderen logischen
Ebene widmen kann, sprich: vom Panther zum Tiger oder zum
Löwen oder eben zur Großkatze oder zum
Säugetier (oder auch, denn im Hypertext ist immer noch
ein Link übrig, zu Rilkes Panther oder
zum Grünen Panther). Das alles kennt man
schon irgendwie, eine flexible Organisation des Wissens, die
nicht auf eine bestimmte Reihenfolge der Aufnahme angewiesen
ist. Aber es gibt einen Unterschied zwischen jenen
Hypertexten, die Informationen miteinander verbinden, und
jenen, die eine Geschichte erzählen wollen und die zur
Unterscheidung Hyperfiction genannt werden.
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