www.dichtung-digital.de/Simanowski/28-Mai-99-1/typologie.htm

Digitales Alphabet

Vor der Sprache des sicht- oder hörbaren Ausdrucksmittel (der Buchstaben, Töne, Formen und Farben) wird die Sprache des Stroms gesprochen, die unter der Sphäre der sinnlichen Wahrnehmbarkeit liegt.Die Farbe rot z.B. wird auf der Ebene des Stroms durch eine bestimmte Bitfolge, durch einem bestimmten Wechsel von Strom-an (oder 1) und Strom-aus (oder 0) Zuständen, ausgedrückt. In der Html-Sprache ergibt dies dann den Hexadezimalwert #FF0000, der dafür sorgt, daß der Bildschirm die Farbe rot anzeigt. Durch einen alphanumerischen Code wird rot auf der Ebene der Farben sichtbar, wo es schließlich, auf der Ebene der Bedeutung, für Liebe oder Tod stehen kann. Bei den Buchstaben ist es, weil vor dem Wort die Tinte kommt, noch schwieriger: das Zeichen, nehmen wie wieder rot, muß zunächst durch das entsprechende Material (meistens Tinte, oft auch Blei, mitunter Blut) dargestellt werden, in unserem Falle als Buchstabenfolge r-o-t , bevor es beginnen kann, etwas zu bedeuten. Vor dieser Materialisierung des Zeichens steht nun die Materialisierung durch den Strom: der Buchstabe r, dann o, dann t, wird in der Sprache der Bits erstellt.

Es gibt anderer Ansätze, die gemeinsame Basis der verschiedenen Elemente begrifflich festzuhalten. Das Multimedia-Programm Macromedia Director z.B. tut dies in Analogie zu Theater und Film und versammelt die Vertreter der verschiedensten Sprachen in einer Besetzungsliste. Dort stehen Sounddateien neben Images und Texte neben Videoclips. Die Basis dieser Einheit des Verschiedenen ist, dass alle ihren Part auf der Ebene der Performance spielen; das Bild tritt dort genauso auf wie der Text oder die Musik. Aber auch Zeit und Bewegung werden als Darsteller definiert, auch das Script (das das Verhalten eines Darstellers oder des ganzen Films bestimmt) wird in der Besetzungsliste geführt. Wenn etwa bei Aktivierung eines Links eine bestimmte Handlung eines bestimmten Darstellers ausgelöst werden soll, steht in der Besetzungsliste ein Script mit einem entsprechenden Onclick-Befehl. Diese Handhabung bei Macromedia Director schärft den Blick dafür, dass Animation bzw. Information, die auf der sichtbaren Ebene des Ausdrucks nur in der Dimension der Zeit wahrnehmbar ist, mit zum 'Text' der digitalen Literatur gehört.

zurück