www.dichtung-digital.de/Simanowski/10-Nov-99


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Notwendiger Nachsatz

Diese Besprechung moniert wiederholt Konuks "reine Freude am Design" und spricht von der Gefährdung durch den "Tand schicker Effekte". Das sind harte Worte, die Widerspruch erregen werden, und dieser Widerspruch wird durchaus berechtigt sein. Wer dem Werk gutes Design, aber Mangel an inhaltlicher Ausführung bescheinigt, muss mit dem Einwand rechnen, falsche Kriterien der Bewertung anzusetzen. Sollte man, so könnte es heißen, digitale Literatur, zumal wenn sie von der visuellen Kunst kommt, nicht anders bemessen als traditionelle Texte?! Soll man hier nicht den Schwerpunkt auf das Design statt auf den Inhalt legen?

In der Mailingliste netzliteratur.de wurde diese Frage gerade vor einigen Tagen eifrig diskutiert. Mit Bezug auf das von einigen Philosophen angestimmte "Lob der Oberfläche" wandte sich Claudia Klinger zB. gegen die Dominanz des sinnenfernen Textes als Relikt des untergehenden Zeitalters der Aufklärung: "Sinnlichkeit, Stimmung, Gefühl, Farbe und Form erobern sich ihren Platz neu und drängen den 'reinen Gedanken' zurück auf die begrenzte Wertigkeit, die das Denken für ein glückliches Real Life tatsächlich hat." Es ist zwar ungewiss, ob "Digital Troja" der hier zugrundeliegenden Vorstellung von sinnfreudigen 'Texten' entspräche, dass es viel Farbe und Form aufweist, ist indes konsensfähig. Was aber steckt unter dem Lob der Oberfläche?

Vielleicht ist dieses weniger als Gegenpol, denn als Pendant zur Aufklärung zu sehen. Vielleicht ist die barocke Ästhetik (dieses Sich-Verlieren in opulenten Details ohne definierendem Zentrum) im Netz nicht nur Folge der Hypertext-Struktur und der hier möglichen Effekte mittels Sound- und Image-Editoren. Vielleicht findet in der sinnenfreundlichen Multimedialität des Netzes eine eine postmoderne Befindlichkeit dankbar ihren Ausdruck. Ich habe an anderer Stelle ("Perspektiven einer Ästhetik der Digitalen Literatur") von der Verwandtschaft dieser Befindlichkeit mit der des barocken Menschen gesprochen: nachdem der Mensch damals, kopernikanisch belehrt, seinen kosmologischen Mittelpunktstatus verlor, muß er heute, postmodern (und konstruktivistisch) aufgeklärt, auch den perzeptiven und apperzeptiven Mittelpunkt in sich selbst aufgeben und sich in die begrenzte Wertigkeit des 'reinen Gedankens' finden.

So wie der Verlust der kosmischen Ordnung eine Ästhetik des Opulenten und Sinnlichen hervorbrachte, könnte der Verlust der Wahrheit in der postmodernen Konstellation eine Ästhetik des Sinnlichen unterstützen, die im Falle der Neuen Medien freilich eine Ästhetik des Technischen ist. Und vielleicht liegt darin die Tiefe der Oberflächlichkeit: das schmerzhafte, aussichtslose Darunter nicht allzusehr aufzuwühlen. Man könnte es Weisheit nennen, andere werden darin Flucht und "Nicht-Interventionismus" (Manfred Frank) sehen.

Wenn wir dieser Überlegung folgen, müssen wir wohl auch die Thematisierung des Krieges innerhalb einer Design-vor-Inhalt-Ästhetik akzeptieren, denn hier erst recht, wie die Ereignisse dieses Jahres in Europa gezeigt haben, lassen sich keine klaren Wahrheiten formulieren. Die Wasserleiche ist dann kein Widerspruch mehr, sondern reine Konsequenz. Wohin geraten wir hier?!

Konuks "Digital Troja" eröffnet Fragen, die weit über den Rahmen dieser Besprechung hinausgehen. Zunächst wäre wohl über Flash zu sprechen, als Zukunftstechnologie des Netz-Designs, die die Dominanz des Ästhetischen vorantreiben wird und dabei auch die Attraktivität inhaltsloser oder kommerzieller Sinnlichkeit (MONKEYmedia zeigt eindringlich, wie man den Commerz zum ästhetischen Ereignis macht). Dem müsste sich die Frage nach dem Selbstverständnis der Kunst, der Literatur und der Kunst bzw. Literatur im Netz anschließen. Die engagiertere Option formuliert Friedrich W. Block in seinem Beitrag "Literatur in der Informationsgesellschaft": Kunst und Literatur ermöglichen "zu beobachten, worauf man sich einläßt, wenn man sich neue Technologien für Kommunikation und Bewußtseinsprozesse leistet."

Diese Mission der Reflexion verlangt jedoch nicht, puristisch zu sein und auf die neuen ästhetischen Möglichkeiten zu verzichten. Engagement, soweit sind wir einige Dezenien nach Adorno, muss nicht sinnenfeindlich sein. Es kommt nur eben darauf an, nicht sein Objekt zu verlieren und sich selbst fangen zu lassen. Wo liegt die Grenze zur trunkenen Gestimmtheit des Technischen bzw. Sinnlichen, wie es sich auf der Wahrnehmungsebene der Farben, Formen und Töne realisiert (vgl. zum "digitalen Kitsch")? Wir kennen den selbstironische Umgang mit dem Medium in Sprache, Malerei, Musik, Film ..., wie sieht es in Flash aus? - Die Sache bleibt spannend!


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