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Dies ist die
skurill-komische Geschichte von der tragischen Liebe eines
Mannes zu einer Schaufensterpuppe. Diese Liebe beruht auf
dem Blick. Als der Mann sich mit der Puppe im Kaufhaus
einschließen lässt, zieht er sie nicht aus und
berührt, wie es heißt, sie nicht
ungebührlich, sondern schaut sie nur an. Ihr Blick hat
es dem Mann angetan: "Ich schwöre dir, sie hat mich
angeschaut, so wie mich kein Mensch bisher
anschaute." Es ist also ein passender
Einfall, wenn die Puppe halb hinter dem Text steht und die
Leser beim Lesen ihrer Geschichte beobachtet. Der Witz liegt darin,
dass nach dem Text die Puppe ganz Dieser witzige Einfall hat eine tiefere Bedeutung. Das programmierte
Verschwinden der Puppe ist die Fortsetzung der Geschichte
mit wortlosen Mitteln. Ihr Blick, dem werden die meisten
Leser zustimmen, besitzt in der Tat etwas Magnetisches,
trotz oder wegen der energielosen Traurigkeit dieses
Gesichts. Wer hier nach der Back-Funktion sucht, um die
Entschwindende zurückzuholen, darf sich ertappt
fühlen. Zwar ist dies noch nicht vergleichbar mit
der nächtlichen Aktion jenes jungen
Mannes, aber dessen abwegige Sehnsucht dürfte nun, da
man sich selbst nach dem Wieder-Blick aufmacht, etwas
verständlicher geworden sein. Es spielt keine Rolle, dass
dies nicht der Blick einer lebenden Person ist - und nicht
einmal das Abbild eines solchen, sondern nur eines
künstlichen: die Abbildung einer Abbildung. Ein
Blick ist ein Blick, mag man trotzig ausrufen und ahnen,
dass es weniger darauf ankommt, ob unser Gegenüber
tatsächlich lebt, als darauf, was wir mit ihm
verbinden, was wir in das Objekt unseres Blickes
hineinlegen. So wie die Rose eine Rose ist, auch wenn sie
nicht so hieße (so Julia an Romeo im belauschten
Gartenmonolog), bleibt ein Blick magnetisch, auch wenn er
keiner lebenden Seele gehört. Die Mythen von
Narziß und Pygmalion, der sich in die Plastik
verliebte, die er schuf, sprechen davon. Sie unterstreichen
zugleich, worin das Problem der Lust am selbsterschaffenen
Blick liegt. Die Materialisierung des Ersehnten in der
Phantasie ist die Flucht vor der immer hinter der Phantasie
zurückbleibenden Realität. Viele wissen dies, für
die es ein wirkliches Gegenüber gibt, das liebt und
geliebt wird. Rainer Maria Rilke, dem die Autoren an anderer
Stelle ihre Referenz erweisen, hat ihre Tragik lakonisch in
die zweite Duineser Elegie gebrannt: Liebende, euch, ihr
in einander Genügten, Wer den Verlust vermeiden
will, beschränkt sich auf die innere
Erlebnisfähigkeit und sucht die Lust in der Belebung
des Leblosen: seien dies nun Plastiken, Wörter, Bilder
oder eben Schaufensterpuppen. Er wird den wirklichen
Körper verschmähen und das aufsuchen, das erst
durch ihn selbst und in ihm selbst Leben gewinnt. Dies ist zugleich die
Grundlage des ästhetischen Prozesses: die
selbsterschaffene Anwesenheit der Dinge in der Phantasie.
Anders und akademischer gesagt: der emotiv-kognitive Vorgang
der Signifikation wird zur Quelle der Lust gerade wegen der
eingenommenen Schöpferrolle des Rezipienten. Und dies,
so lautet die weitergehende Lesart, ist zugleich der tiefere
Sinn des technischen Effekts: jener Mann und die Leser
befinden sich in einer ähnlichen Situation, sie
delektieren sich an Zeichen, am ästhetischen Prozess
der Zeichenbelebung. Der Text ist dem Leser, was die Puppe
dem Mann im Text ist, die Verschränkung von Image und
Textblock erhält aus dieser Perspektive eine
zusätzliche Bedeutung. Diese zusätzliche Bedeutung funktioniert kurioserweise nur infolge einer
Einschränkung eben jenes ästhetischen Prozesses der Zeichenbelebung. Durch den
Bildeinsatz muss der Leser die Puppe nicht erst imaginieren, er erhält diese direkt und
in konkreter Gestalt. Die Sprache der Bilder schiebt sich somit vor die Sprache der Wörter.
Erst durch diese Verschiebung, anders gesagt: durch die Verhinderung einer materiallosen
Imagination, kann die Pupppe dem Leser dann wieder wirkungsvoll entzogen werden. Eine allein auf Worten
aufbauende Imagination wäre dem nachträglichen Zugriff durch die Autoren entzogen gewesen. Ist diese Geschichte, indem sie
von der selbsterschaffenen Anwesenheit der Dinge in der Phantasie handelt, also eine
Geschichte über uns selbst? Der Mann, der eine Nacht im
Kaufhaus verbringt, um eine Puppe anzusehen, ist der moderne
Pygmalion. Er ist zugleich der letzte Romantiker, der noch
den Enttäuschungen des Realen mit der Phantasie trotzt.
Sein nächtliches Zusammensein mit der Puppe ist der
Roman, den er ihr und v.a. sich selbst erzählt: er
fasst sie nicht an, wie betont wird, er sitzt nur da und
schaut. Dass ihr Blick etwas Starres, Lebloses hat, hilft
ihm, die Gewissheit zu bewahren, dies kann nie durch
Realisierung zerstört werden. Der Kaufhausdetektiv, der
ihn morgens findet und wahrscheinlich von einer 'richtigen
Frau' kommt, wird den verhängnisvollen Reichtum dieses
romantischen Gefühls nicht kennen. Trotzdem ist gewiss
auch er Leser, Hörer, Zuschauer. Der junge Mann und der
Detektiv verkörpern zwei Lese-Haltungen; wer wieder und
wieder die Back-Funktion betätigt hat, mag sich zur
Fraktion des ersteren zählen. |