dd:
Woran liegt das?
BS: Beim grossen Hype
ums Internet in den letzten drei Jahren ging es nie um
kulturell Interessantes und Innovatives, sondern lediglich
um die schnelle und rücksichtslose Kommerzialisierung
eines neu entdeckten telematischen Transportmittels. Da
hatten literarische Experimente selbstverständlich
keine Chance, sich ins Blickfeld der Masse zu rücken.
Dazu kommt ein verkrusteter Literaturbetrieb, der Angst ums
Buch hat und nicht gewillt ist, sich mit einem neuen Medium
und experimentellen grenzüberschreitenden Texten und
Projekten auseinanderzusetzen. Nur allmählich gelingt
es einigen Protagonisten der Szene sich im Gedächtnis
der Allgemeinheit festzusetzen.
Die Situation der
amerikanischen Szene präsentiert sich grundlegend
anders. Hyperfictions wurden seit Ende der achtziger Jahre
vorwiegend mit proprietären Autorenprogrammen
(Hypercard von Apple und danach vorwiegend Storyspace von
Eastgate) entwickelt und auf Disketten und CD-ROMs
ordentlich verlegt. So fanden ausgewählte amerikanische
Hyperfictions eine gewisse Wertschätzung des
Literaturbetriebs. Die akademische
Hyperfiction-Autoren-Szene der USA zehrt jedoch noch heute
von ihren Anfangserfolgen und hatte grosse Probleme, sich
einigermassen mit dem Internet anzufreunden. Eine
grössere Anhängerschaft fanden jene Autoren, die
sich wie Mark Amerika von Anfang an experimentell mit dem
Internet eingelassen haben. Doch in dem Sinne ist Mark
Amerika trotz seines Namens nicht unbedingt Teil der
amerikanischen Szene, sondern eher Protagonist einer
internationalen Szene von Literatur- und
Kunstexperimentatoren, wie sie bsp. an Festivals wie der
"ars electronica" ausgemacht werden kann oder wie sie von
Friedrich W. Block mit seiner Ausstellung
"poes1s"
auf gelungene Weise umrissen worden ist.
dd:
Im Hinblick auf die deutschsprachige Literatur stellt sich
die Frage, inwiefern zwischen AutorInnen der Schweiz,
Österreichs und Deutschlands zu unterscheiden ist.
Entwickelt sich das literarische Feld der deutschsprachigen
digitalen Literatur unabhängig von solch nationalen
Bezügen?
BS: Im
literarischen Bereich an sich verwandeln sich die nationalen
Bezüge heute aus soziokulturellen und ökonomischen
Gründen immer mehr zu regionalen Bezügen
(Deutschland als europäische Region), so dass man ja
bereits von einer globalen Literatur redet, die denn auch
von den marktmächtigen Verlagen stark gefördert,
um nicht zu sagen, dem Publikum aufgezwungen wird. Die
Zugehörigkeit zu einer Nationalliteratur ist denn auch
für die Autoren digitaler Literatur kein Thema, dies
allerdings aus anderen Motiven: Die Kanäle, die sie
für die Verbreitung ihrer Werke brauchen, kennen keine
Grenzen mehr - höchstens eine Sprachbarriere. Die
Gemeinschaften, die sie gebildet haben, sind zumeist
geographisch nicht eingeschränkt. Und die Kommunikation
funktioniert trotz der Ortsungebundenheit äusserst
schnell und wirkungsvoll. Doch dem Aspekt der
Globalität entgegen steht, dass die digitale Literatur
lediglich von einem kleinen Kreis von Leuten betrieben wird.
Und die Foren zur digitalen Literatur, die weltweit
erreichbar sind, stellen im riesigen Netzwerk des Internets
nicht mehr als winzige Dorfgemeinschaften dar.
dd: Diese
Feststellung führt mich zu meiner nächsten Frage.
Du sprichst in deiner Dissertation abschließend von
der "Baustelle Cyberspace", als weitem und spannendem
Experimentierfeld für literarische Entwürfe und
Bauten. Welche Chance hat die digitale Literatur, aus dem
Dorf rauszukommen, und wie sieht ihre Zukunft draußen
dann aus?
BS: Die digitale
Literatur steht erst am Anfang. Sie hat noch immer
verschiedene Möglichkeiten, sich weiter zu entwickeln.
Diese Möglichkeiten werden sich mit der Entwicklung der
Technologie selbstverständlich auch wieder wandeln; der
Cyberspace ist also gleichzeitig Baustelle und Labor.
Schnell wird jeweils auch wieder abgerissen, was nicht
richtig ausgereift erschien.
In der unmittelbaren Zukunft
finden sicherlich sowohl textbasierte Hyperfictions wie auch
multimediale literarisch-künstlerische Projekte ihren
Platz. Nicht unterschätzen sollte man aber den Sog von
hyperfiktionalen immersiven Spielen mit simplen bis
komplexen narrativen Mustern wie "Riven" oder "Blade
Runner". Für die weitere Zukunft zeichnen sich denn
auch zwei Entwicklungsmöglichkeiten ab: a) Die
Weiterentwicklung des bereits Erstellten durch einzelne
Literaten mit Konzentration auf Text und einzelne weitere
Medienelemente. Bedingung wäre der Einbezug des neuen
Genres in den allgemeinen Literaturbetrieb bzw. eine
Öffnung desselben gegenüber neuen Spielformen. b)
die Entwicklung einer neuen Erzählform, die
sämtliche vorhandenen Elemente amalgamiert und sich an
den bereits bestehenden immersiven Welten und Spielen
orientiert, - einem Genre, das sich bereits etabliert hat,
obwohl es nach wie vor über den beschränkten,
zweidimensionalen Computerbildschirm vermittelt wird. Diese
Erzählform bedingte eine umfassende Teamproduktion mit
einer Fülle von Ressourcen, wie sie heute vor allem bei
der Produktion eines Spielfilms oder eines Videospiels zu
finden ist.
dd:
Was den Einbezug des neuen Genres in den allgemeinen
Literaturbetrieb betrifft, so tust du ja selbst einiges
dafür, nicht allein durch deine theoretische
Vorleistung, sondern auch als Verleger, der digitale
Literatur in die Buchläden zu bringen trachtet. Wie
sieht das aus und welche Erfahrungen hast du gemacht? Und in
welcher Pflicht siehst du hier die Kulturinstitutionen oder
auch privaten Geldgeber, gerade mit Blick auf die
angesprochene Teamproduktion, die ja perspektivisch
vielleicht ein Finanzierungsmodell wie beim Film
erfordert?
BS: Bis anhin sind
sämtliche Versuche fehlgeschlagen, das neue Genre in
den allgemeinen Literaturbetrieb einzubeziehen. Aber sei's
drum. Ich konnte mit der
"edition
cyberfiction" im
update Verlag eine erste hyperliterarische Reihe im
deutschen Sprachraum starten. Die Editionen werden als
"Bücher ohne Seiten" beworben und über den
Buchhandel vertrieben. Die ersten beiden Werke kamen im
Oktober 2000 heraus: "Hilfe!" von Susanne Berkenheger und
"kill the poem" von Johannes Auer und Reinhard Döhl.
Weitere werden noch dieses Jahr folgen. Damit die Werke den
Sprung vom Cyberspace in die Welt der Literatur und des
Buches schaffen können, haben wir das
Übergangsmedium CD-ROM als Träger gewählt und
die Werke in einem gut aufgemachten Buchumschlag
präsentiert. Die Edition richtet sich ans allgemeine
literarische Publikum und nicht nur an die
Netzliteratur-Szene.
Der Erfolg ist bisher eher
mässig, was aber auch zu erwarten war, da dem Verlag
praktisch keine Marketinggelder zur Verfügung stehen
und bis anhin nur wenige Rezensionen den Weg in die
Publikumspresse geschafft haben. Der Weg aus der Nische -
zumal noch eine selbst geschaffene - ist nicht einfach. Ich
sehe aber optimistisch einigen grösseren Anlässen
im zweiten und dritten Quartal des Jahres 2001 entgegen, an
denen die Autoren vor grösserem Publikum ihre Werke
präsentieren können. Und über kurz oder lang
wird sich das Genre durchsetzen.
Selbstverständlich
wäre es schön, wenn sich Kulturinstitutionen
für die neue Literatur interessieren würden. Man
kann aber wohl von den trägen Apparaten nicht erwarten,
dass sie ein neues Genre bereits im Ansatz erkennen und
fördern. Für meinen Teil habe ich die "edition
cyberfiction" ohne Unterstützung von Institutionen oder
Sponsoren an die Hand genommen, denn die Suche nach Geldern
gestaltet sich meist aufreibender und erfolgloser als die
Produktion eines Werks. Es ist mein Ziel, die Reihe
zumindest selbsttragend zu machen. Es wäre sicher sehr
wünschenswert, wenn sich Institutionen der Vermittlung
von "Hyperfiction" oder "digitaler Literatur" an ein
grösseres Publikum annehmen würden. Doch
dürfte dabei sehr schnell die Frage auftauchen, welche
Art von Hyperfiction denn unterstützt werden soll:
grosse aufwendige Teamproduktionen oder textbezogene
Projekte einzelner Autoren? Was Teamproduktionen anbelangt,
so sollte sich ein Finanzierungsmodell wie bereits bei der
Spiele- und der Filmproduktion in Gebrauch durchsetzen
können, so dass kulturelle Institutionen sich auf
innovative Einzelprojekte konzentrieren können. Denn es
scheint mir eher gefährlich, wenn Institutionen heute
grosse Summen für Teamproduktionen in diesem Bereich
locker machen, wie dies für die Cyberoper
"Silesius
Diskette" (von
Hermann Rotermund am Symposium InterSzene 2000 vorgestellt)
angestrebt wird - und dann nichts mehr übrig bleibt
für die weniger megalomanischen, aber innovativen
Projekte.
dd:
Nicht unvertraut mit deinen Erfahrungen, was die
Beweglichkeit kultureller Apparate betrifft, wünsche
ich dir weiterhin viel Energie und Glück für deine
Vorhaben und bedanke mich herzlich für die
ausführlichen Antworten.
Ihr
Kommentar

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