Theatrale
Aspekte spielen im Internet in vielfältiger Hinsicht
eine wichtige Rolle. Das soll im folgenden anhand einer
kleinen Phänomenologie theatraler Aspekte des Internet
vor Augen geführt werden. Drei unterschiedliche Aspekte
von Theatralität treten dabei hervor, von denen sich
einer als semiotisch grundlegend erweisen wird. Auf dem Weg
einer zeichentheoretischen Analyse dieses semiotisch
grundlegenden Theatralitätsaspekts werde ich versuchen,
die semiotische Grundverfassung des Internet als Verfassung
theatraler Textualität zu rekonstruieren. Zuvor jedoch
möchte ich in einer einleitenden Reflexion die
begrifflichen Verschiebungen im Theatralitätskonzept
thematisieren, die meines Erachtens notwendig werden, wenn
man das Internet unter theatralen Gesichtspunkten
analysieren möchte.
Als exemplarische
Theatralitätsbestimmungen, die von den meisten
Theatralitätsforschern implizit oder explizit
vorausgesetzt werden, dürfen die Bestimmungen der
Transitorität, der Prozessualität und der
Korporalität theatralen Verhaltens gelten. Diese drei
fundamentalen Theatralitätsbestimmungen rekurrieren auf
das Theater als klassisches Paradigma der
Theatralitätsforschung, um an seinem Leitfaden zugleich
auch Phänomene beschreibbar zu machen, die
außerhalb des Bereichs des Theaters liegen. Die
genannten Theatralitätsbestimmungen sind mit Blick auf
die theatralen Aspekte des Internet ein Stück weit zu
relativieren.
Ich beginne mit der
Transitorität. Exemplarisch hat Joachim Fiebach in den
siebziger Jahren ausgehend von Brechts Straßenszene
Theatralität als einen "Prozeß" bestimmt, "der
sich in unmittelbarer Tätigkeit von Darstellenden und
Zuschauenden raumzeitlich entfaltet und verzehrt." Gleich zu
Beginn des ersten Buches ihrer dreibändigen Semiotik
des Theaters stellt auch Erika Fischer-Lichte die
Transitorität theatraler Prozesse als fundamentale
Theatralitätsbestimmung heraus. Sie schreibt: "Das
materielle Artefakt des Theaters hat nicht - wie etwa ein
Bild oder der Text eines Gedichts - eine von seinen
Produzenten abgehobene, fixierbare autonome Existenz,
sondern existiert nur im Prozeß seiner Herstellung."
Und sie ergänzt: "Das Transitorische des Theaters (...)
hat sein Eigenes nicht nur darin, daß es sich - wie
Musik oder auch mündliche Erzählung - in der Zeit
realisiert, sondern daß diese seine Realisation an
ihre Urheber gebunden bleibt, keine übertragbare,
wiederholbare, eigenständige Existenz besitzt."
Sicherlich ist unter den
Bedingungen einer durch die elektronischen Massenmedien
bestimmten Kultur die Akzentuierung der authentischen
Situativität, der unreproduzierbaren Einmaligkeit und
der unhintergehbaren Transitorität theatraler
Vollzüge sinnvoll und geboten. Das Besondere nicht nur
des Theaters, sondern auch vieler anderer Formen von
Theatralität (wie z.B. von Popkonzerten,
Fußballspielen, Zirkusveranstaltungen, Festen,
politischen Zeremonien, Wahlkampf- oder
Kongreßveranstaltungen) besteht gerade in der
aktuellen, d.h. auf die vergängliche Dauer eines
ausgezeichneten Zeitabschnitts beschränkten und dadurch
zugleich intensivierten Anwesenheit einer durch
räumliche Vorgaben begrenzten Anzahl von
Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Es ist diese spezifische
Differenz, durch die theatrale Prozesse der beschriebenen
Art gegenüber den massenmedialen Zeitkonserven
ausgezeichnet sind, die uns von den elektronischen Medien
tagaus und tagein präsentiert werden. Die Betonung
dieser für bestimmte Theatralitätsformen
charakteristischen Auszeichnung hat allerdings bei vielen
Theoretikern dazu geführt, daß der
Gegenstandsbereich der Theatralitätsforschung ohne Not
auf Theatralitäten der beschriebenen Art begrenzt
wurde. Diese Begrenzung gilt es zu problematisieren.
Bereits unter Film-,
Fernseh- und Radiobedingungen, d.h. durch die
Möglichkeit der audiovisuellen Aufzeichnung,
Inszenierung oder Simulation theatraler Prozesse kommen
Aspekte einer medialen Theatralität in den Blick, die
bei einer strengen Fixierung auf das
Transitoritätsmoment aus dem Gegenstandsbereich der
Theatralitätsforschung ausgeschlossen blieben. Die
Berücksichtigung dieser nicht-transitorischen, weil
reproduzierbaren Formen medialer Theatralität muß
keinesfalls auf das von Walter Benjamin bereits in den
dreißiger Jahren mit Blick auf den Stummfilm
angestimmte Loblied auf die "Zertrümmerung der Aura"
durch das "Dynamit der Zehntelsekunden" hinauslaufen. Es
gilt vielmehr, die Differenz von medialen und nicht-medialen
Darstellungsformen als eine Binnendifferenz von
Theatralitätstypen zu verstehen, die jeweils ihre
Eigenarten und Besonderheiten haben und nicht von vornherein
normativ zu evaluieren sind. Diese Maxime ist in
verstärktem Maße zu berücksichtigen, wenn
man versucht, die für das Internet charakteristischen
Aspekte von Theatralität zu analysieren.
Im Unterschied zu den
klassischen Broadcast-Medien der elektronischen
Rundfunkkultur ermöglichen die Kommunikationsdienste
des Internet schriftbasierte sowie zunehmend auch bild- und
tonbasierte Formen der direkten, synchronen und reziproken
Interaktion zwischen einer Vielzahl von Nutzerinnen und
Nutzern. Insofern kann man sagen, daß das Internet
eine medientechnische Einlösung derjenigen Forderungen
mit sich bringt, die einst Bertolt Brecht in seiner
Radiotheorie in kritischer Absicht an den Rundfunk gestellt
hatte: "Der Rundfunk ist aus einem Distributionsapparat in
einen Kommunikationsapparat zu verwandeln. Der Rundfunk
wäre der denkbar großartigste
Kommunikationsapparat des öffentlichen Lebens, ein
ungeheures Kanalsystem, das heißt, er wäre es,
wenn er es verstünde, nicht nur auszusenden, sondern
auch zu empfangen, also den Zuhörer nicht nur
hören, sondern auch sprechen zu machen und ihn nicht zu
isolieren, sondern ihn in Beziehung zu setzen."
Die durch das Internet
ermöglichten telematischen Interaktionsformen sind mit
den offenen und reziproken Kommunikationsstrukturen, die wir
aus face-to-face-Gesprächen kennen, in vielen
Hinsichten vergleichbar. Ähnlich wie das Telefon
ermöglichen die Kommunikationsdienste des Internet
ihren Nutzerinnen und Nutzern eine telekommunikative
Gesprächssituation, die unabhängig ist von der
physischen Anwesenheit der Gesprächsteilnehmerinnen und
Gesprächsteilnehmer. Mit den technischen
Möglichkeitsbedingungen der Telepräsenz, durch die
sich das Online-Gespräch vom alltäglichen
Vis-à-vis-Gespräch unterscheidet, hängt
zugleich zusammen, daß Internet-Interaktionen
jederzeit von jeder Teilnehmerin und jedem Teilnehmer auf
dem eigenen PC oder Server gespeichert und reproduzierbar
gemacht werden können. Zwar besteht auch in
nicht-medialen Kontexten prinzipiell die Möglichkeit
der audiovisuellen Aufzeichnung. Die zunehmende Präsenz
von Videokameras in lebensweltlichen Zusammenhängen
macht das evident. Mit Blick auf das Internet aber ist
herauszustellen, daß die digitale Bühne des
Cyberspace, d.h. der Raum, in dem die virtuellen
Interaktionen stattfinden, technisch gesehen selbst ein
Speichermedium ist. Das ist bei den alltäglichen
Lebensräumen, in denen wir uns IRL bewegen, nicht der
Fall und markiert eine der basalen Differenzen, durch welche
sich die virtuelle Welt des Internet von der physischen Welt
des Alltagslebens unterscheidet.
Neben die direkte,
persönliche Kommunikation zwischen synchron
telepräsenten Akteuren tritt im Internet darüber
hinaus die auf die dekontextualisierte Publikation von
Information abzielende Anwenderoberfläche des World
Wide Web. Im Web wird das Speichermedium Internet explizit
als Aufzeichnungs- und Publikationsmedium genutzt. Mit den
darauf basierenden Anwendungen, die dem Internet in den
letzten Jahren quasi biologische Wachstumsraten verschafft
haben, hängt zusammen, daß für das Internet
nicht nur die mehr oder weniger offensichtlichen Formen von
Theatralität zu berücksichtigen sind, die sich in
der synchronen Interaktion der Kommunikationsdienste
realisieren. Darüber hinaus kommt vielmehr die
theatrale Verfassung ins Spiel, durch welche die semiotische
Struktur der graphischen Anwenderoberfläche des World
Wide Web auf einer basalen Ebene bestimmt ist. Aus
zeichentheoretischer Perspektive kann man sagen, daß
sich im World Wide Web eine Theatralisierung der klassischen
Monumentalmedien Bild und Schrift vollzieht. Aus diesem
Sachverhalt, auf den ich im Fortgang ausführlicher
eingehen werde, ergibt sich zugleich die Problematisierung
der zweiten Determinante, die häufig als
Grundbestimmung für Theatralität herangezogen
wird. Ich meine die Bestimmung der Prozessualität.
Theatralität wird von
Theaterwissenschaftlern wie Fiebach, Fischer-Lichte u.a. als
prozessualer und dynamischer Vollzug von der monumentalen
Statik schrift- und bildhafter Strukturen abgegrenzt. Dies
wurde in den oben zitierten Äußerungen der
genannten Autorin und des genannten Autors bereits deutlich.
Im Hintergrund steht dabei die als grundlegend
aufgefaßte Opposition von theatraler Oralität und
momumentaler Literalität. Die kommunikativen und
semiotischen Verhältnisse des Internet unterlaufen
diese für die zeitgenössische
Theatralitätsforschung zentrale Opposition. Mit Blick
auf die Theatralität des Internet ist nicht allein von
theatralen Prozessen, sondern auch und vor allem von
theatralen Strukturen zu sprechen. Die zentrale Leitthese
der folgenden Überlegungen besteht in der Annahme,
daß sich im Internet eine Theatralisierung der
traditionell als nicht-theatral aufgefaßten medialen
Zeichenstrukturen von Bild und Schrift vollzieht.
Mit dieser Leitthese
hängt auch die dritte begriffliche Erweiterung des
Theatralitätskonzepts zusammen, die sich unter
Internet-Bedingungen aufdrängt. Sie betrifft die
Voraussetzung der Korporalität, d.h. der
Körperhaftigkeit oder Körpergebundenheit
theatraler Prozesse. Diese Voraussetzung markiert einen
zentralen Bestandteil des modernen
Theatralitätsverständnisses. Darauf weist Helmar
Schramm, wenn er schreibt: "Wie auch immer 'Theater'
definiert werden mag, unumstritten dürfte die Tatsache
sein, daß es sehr wesentlich mit der physischen
Präsenz darstellender Personen verbunden ist." Auch in
diesem Punkt führen die medialen Verhältnisse des
Internet zu einer Relativierung der üblichen
Theatralitätsterminologie. Das gilt zum einen mit Blick
auf die Theatralisierung, die unser Umgang mit Bild, Sprache
und Schrift im World Wide Web erfährt. Darauf werde ich
an späterer Stelle ausführlich eingehen. Zum
anderen ist bezüglich der schriftbasierten Online-Chats
darauf hinzuweisen, daß die 'virtuelle Realität'
des Internet nicht zuletzt deshalb als 'virtuell' bezeichnet
wird, weil es sich bei ihr um eine Realitätsform
handelt, deren Konstruktion sich in einem künstlichen
digitalen Raum vollzieht, in dem die Nutzerinnen und Nutzer
losgelöst von den raum-zeitlichen Zwängen ihrer
physischen Körperlichkeit virtuelle Körper mit
imaginären Eigenzeiten und Eigenräumen erfinden
können.
Um eine erste Übersicht
zu verschaffen, erscheint es mir hilfreich, drei Aspekte von
Theatralität im Internet voneinander abzugrenzen. Der
erste Aspekt hat mit theatralen Prozessen im engen und
primären Wortsinn von 'Theatralität', d.h. mit der
Theatralität des Theaters zu tun. Als 'theatral' in
diesem Sinn bezeichne ich theaterähnliche
Aufführungen, in deren Zentrum die dramatische
Inszenierung fiktionaler Handlungsabläufe auf einer
mehr oder weniger öffentlich zugänglichen
Bühne steht.
Prozesse dieser Art sind
für die interaktiven Rollenspiele prägend, die auf
den virtuellen Bühnen des Internet in unzähligen
MUDs und MOOs auf der Basis synchroner schriftlicher
Kommunikation stattfinden. Weltweit verwandeln sich in den
imaginären schriftbasierten Kommunikationslandschaften
des Netzes alltäglich und allnächtlich
Hunderttausende von Mediennutzerinnen und Mediennutzern aus
passiven Fernsehzuschauern in aktive
Internetschauspielerinnen. Den anonymen, unidirektionalen
Bildwelten des Fernsehens und den häufig kulturell
erstarrten, professionalisierten Interaktionsformen der
etablierten Theaterinstitutionen treten via Internet
Praktiken nicht-professionellen Rollenspiels entgegen. Diese
sind in die virtuellen Lebenswelten der Netizens unmittelbar
eingebunden, da sie sich unter Netzbedingungen als gleichsam
'natürlich' anmutende Kommunikationsformen nahelegen.
Denn im Netz ist infolge der medialen Entkörperlichung
seiner Akteure die Kommunikation von den psychosozialen
Aspekten einer raum-zeitlich fixierbaren
Körperidentität entlastet, die dem theatralen
Spiel mit Identitäten im 'wirklichen' Leben physische
Grenzen setzt.
Der zweite theatrale Aspekte
des Internet hat mit theatralen Prozessen im weiten Wortsinn
von 'Theatralität' zu tun, d.h. mit
Theatralitätsformen, die außerhalb der
Theatralität des Theaters situiert sind. Damit meine
ich Formen alltäglicher Selbstdarstellung, also die
öffentlich oder teilöffentlich um Gunst und
Schätzung werbende Selbstinszenierung von Menschen,
Institutionen und Themen. Das Internet läßt sich
als Ort permanenter Public Relations, als Raum einer auf
Dauer gestellten Öffentlichkeitsarbeit beschreiben. Wer
mit einer eigenen Homepage im Web ist, inszeniert sich und
das, wofür er steht. Er macht Reklame, d.h. er ruft
sich bei anderen ins Gedächtnis bzw. schreibt sich in
das kollektive Gedächtnis des mit Hilfe von
Suchmaschinen recherchierbaren digitalen Informationssystems
Internet ein. Das gilt nicht nur für Firmen,
Institutionen und Vereinigungen, sondern auch für
Individuen. Das Internet funktioniert als eine Form
kollektiver Prostitution, die häufig die
Veröffentlichung auch noch des Individuellsten und
Intimsten einschließt. Auf den Homepages vieler
privater Internetnutzer, die vor allem in den kommerziellen
Netzdiensten von AOL und CompuServe einen enormen Zuwachs
verzeichnen, werden individuelle Vorlieben öffentlich
gemacht, die vom Lieblingsgericht und der
Lieblingsfernsehsendung über die Pallette der aktuellen
Hobbies, Gesundheits- und Figurprobleme bis hin zu
detaillierten Schilderungen individuell bevorzugter
Sexualpraktiken reichen. Sowohl diese Rituale der
Selbstentblößung als auch kreativen Potentiale
individueller und kollektiver, privater und professioneller
Selbstdarstellung und medialer Identitätskonstruktion
habe ich im Blick, wenn ich von Internet-Theatralität
im weiten Sinn spreche.
Der dritte theatrale Aspekt
des Internet hat mit theatralen Strukturen im weitesten Sinn
von 'Theatralität' zu tun, d.h. mit einer
epistemologisch basalen Ästhetisierung unseres Umgangs
mit Zeichen. Auch dieser Typus von Theatralität ist
außerhalb der Theatralität des Theaters
angesiedelt. Im Unterschied zum zweiten
Theatralitätsaspekt, bei dem es sich um ein
offensichtliches und mehr oder weniger selbstexplikatives
Phänomen handelt, verweist der dritte
Theatralitätsaspekt auf eine grundlegende
Tiefentheatralisierung der symbolischen Formen menschlicher
Kommunikation, die dem medientheoretisch unvorbelasteten
Blick schnell verborgen bleibt.
Was ich im Blick habe, ist
der Sachverhalt, daß die hypertextuelle Verfassung des
World Wide Web einen vernetzten Raum des Schreibens und
Denkens eröffnet, für den charakteristisch ist,
daß er auf der semiotischen Basisebene zu einer
Revalidierung bildhaft-dramatischer und
aphoristisch-inszenatorischer Darstellungsformen führt.
Autor und Leser lassen sich im World Wide Web nicht mehr
trennscharf scheiden. Beide agieren als semiotische
Dramaturgen und ästhetische Designer, die das Spiel der
Signifikanten auf dem Schauplatz der digitalen Schrift
theatral inszenieren und modellieren. Die dynamische
Konstellation des interaktiven Hypertextgewebes im Raum, die
Verflechtung von Bild, Sprache, Musik und Schrift zu einem
transversalen Medienhybrid, die taktile Auszeichnung
einzelner Zeichenkomplexe als anklickbare Links oder die von
Java angebotenen Möglichkeiten, Buchstaben in Bewegung
zu setzen und in graphische Szenen einzubetten - das alles
sind Erscheinungsformen dessen, was ich als basale
Tiefentheatralisierung unserer semiotischen "Weisen der
Welterzeugung" bezeichnen möchte.
Der basale Charakter dieser
semiotischen Tiefentheatralisierung liegt darin
begründet, daß durch sie Theatralität in den
Fundamenten unseres Zeichengebrauchs selbst verankert wird.
Dabei handelt es sich um einen Transformationsprozeß,
dessen Verlauf und dessen Effekte sich zum derzeitigen
Zeitpunkt nur tentativ umreißen lassen. Bei dem
folgenden Versuch, einen solchen ersten Aufriß dieses
Transformationsgeschehens zu geben, lasse ich mich von der
Annahme leiten, daß das semiotische Basisgefüge
von Bild, Sprache und Schrift unter Internetbedingungen auf
eine Konstellation zusteuert, die sich als 'theatrale
Textualität' beschreiben läßt.
An anderer Stelle habe ich
die Veränderungen in unserem Zeichengebrauch, die der
Übergang zum vernetzten Mediensystem des Internet mit
sich bringt, als "digitale Verflechtungen" beschrieben.
Unter diesem Titel kommen vier grundlegende semiotische
Tranformationstendenzen in den Blick: die Verschriftlichung
der Sprache, die Versprachlichung der Schrift, die
Verbildlichung der Schrift und die Verschriftlichung des
Bildes. Auf dem Weg einer Explikation dieser drei für
das Internet charakteristischen Transformationstendenzen
läßt sich die Verfassung theatraler
Textualität freilegen.
Zur Beschreibung der ersten
Verflechtungstendenz, die ich als Verschriftlichung der
Sprache bezeichne, ist es hilfreich, sich zunächst noch
einmal an den textorientierten Kommunikationsdiensten zu
orientieren. Diese Dienste bilden die medientechnische Basis
für die interaktiven Rollenspiele, die am Anfang meiner
kleinen Phänomenologie theatraler Aspekte des Internet
standen. Mit Blick auf die Nutzung dieser im Verhältnis
zum World Wide Web 'älteren' und einfacher
strukturierten Anwendungen, die mittlerweile zunehmend ins
Web integriert werden, lassen sich signifikante
Veränderungen in unserem Gebrauch von Sprache und
Schrift herausarbeiten. In der "Computer Mediated
Communication" verflechten sich Merkmale, die bisher als
Differenzkriterien zur Unterscheidung von Sprache und
Schrift dienten. Die traditionelle Auszeichnung der
gesprochenen Sprache als Medium der Präsenz wird durch
die 'appräsente Präsenz' der Teilnehmerinnen und
Teilnehmer im geschriebenen Gespräch des On-line Chat
in Frage gestellt. Es ist dieses performative Schreiben
eines Gesprächs, in dem Sprache interaktiv geschrieben
statt gesprochen wird, das ich als Verschriftlichung der
Sprache bezeichne.
Daß es sich dabei um
einen Modus der semiotischen Tiefentheatralisierung unseres
Zeichengebrauchs handelt, wird deutlich, wenn man die
Verschriftlichung der Sprache, die im geschriebenen
Gespräch des Online-Chat stattfindet, zugleich als eine
Versprachlichung der Schrift begreift. Das Medium der
Schrift wird unter Buchdruckbedingungen als eine
Verbreitungstechnologie genutzt, welche die unmittelbare
Interaktion zwischen Sender und Empfänger
ausschließt. Das Internet eröffnet
demgegenüber Nutzungsmöglichkeiten, durch welche
die Schrift als ein Medium einsetzbar wird, das den
permanenten Wechsel zwischen Sender- und
Empfängerposition ähnlich flexibel zu gestalten
erlaubt, wie es im gesprochenen Gespräch der Fall ist.
Wenn ich von einer Versprachlichung der Schrift rede, meine
ich diese sprachanaloge, d.h. reziproke Nutzungsform einer
im Gesprächsmodus interaktiv verwendeten Schrift.
Als theatral wird die
Online-Kommunikation aber nicht allein und nicht primär
aufgrund des Sachverhalts wahrgenommen, daß sie
bestimmte Momente der face-to-face-Kommunikation telematisch
reproduziert. Entscheidend ist vielmehr, daß die aus
dem Vis-à-vis-Gespräch bekannten
Interaktivitätsmomente im Modus der Schrift auf eine
medial entfremdete Weise neu inszeniert werden. Um die aus
dieser Neukonstituierung des Verhältnisses von Sprache
und Schrift hervorgehende, theatrale Binnenverfassung der
beiden Zeichensysteme semiotisch zu präzisieren, ist es
hilfreich, sich darauf zu besinnen, wie das Verhältnis
von Sprache und Schrift traditionell bestimmt worden ist.
Die Buchstaben der Schrift
wurden seit Platon und Aristoteles als Zeichen von Zeichen
definiert und der gesprochenen Sprache als einem System
untergeordnet, das nicht seinerseits auf arbiträre
Zeichen, sondern vielmehr auf authentische Vorstellungen und
außersprachliche Gegenstände verweisen sollte.
Diese Voraussetzung, die von Jacques Derrida als
"Phonozentrismus" des abendländischen Denkens
philosophisch dekonstruiert worden ist, wird durch die
Neuinszenierung des Verhältnisses von Sprache und
Schrift im Internet medienpragmatisch unterlaufen. Im
Online-Chat fungiert Sprache als Schrift, d.h. das
gesprochene Wort realisiert sich im Schreiben als Zeichen
von Zeichen. Und zugleich fungiert Schrift im Online-Chat
als interaktiv modellierbares und kontextuell situiertes
Schreiben von Sprache, d.h. das geschriebene Wort wird nicht
länger als Zeichen eines authentischen, selbst
vermeintlich nicht mehr zeichenhaften Zeichens
mißdeutet. Statt dessen wird es als Zeichen von
Zeichen von Zeichen usw., d.h. als unendlicher semiotischer
Verweisungszusammenhang verstanden, der pragmatisch jeweils
zu einem immer relativ bleibenden Abschluss
kommt.
Geht man vor diesem
Hintergrund zur zweiten der drei digitalen
Verflechtungstendenzen über - nämlich zur
Verbildlichung der Schrift - dann drängt sich die These
auf, daß an die Stelle der lautlichen Präsenz,
die für den Phonozentrismus charakteristisch war, in
der graphischen Anwenderoberfläche des World Wide Web
eine andere Form der Präsenz trete. Dabei würde es
sich um die auf Ähnlichkeit beruhende visuelle
Gegenwart eines abwesenden Referenten handeln, die wir
traditionell mit der Vorstellung des Bildes als eines
"natürlichen Zeichens" verbinden. Der amerikanischen
Internetforscher Jay David Bolter vom Georgia Institut of
Technology in Atlanta vertritt diese These, wenn er
schreibt: "Der naive Glaube an die Unmittelbarkeit des
Bildes hat eine lange Geschichte, deren Spur sich von der
Erfindung der perspektivischen Malerei bis in die Gegenwart
hinein verfolgen läßt. Auch heute wird selbst der
raffinierteste Betrachter des World Wide Web in Versuchung
geführt, den komplexen Charakter einer Webseite zu
vergessen, um sich auf das statische oder bewegte Bild als
direkte Abbildung der Wirklichkeit zu konzentrieren." Bolter
folgend hätte man demnach mit Blick auf das World Wide
Web mehr oder weniger pejorativ von einer Verbildlichung der
Schrift in dem Sinn zu reden, daß die Relevanz von
Sprache und Schrift zusehends durch die Vorherrschaft von
Bildern unterminiert würde.
Aber Bolter
beläßt es nicht bei diesem negativen Szenario. Er
deutet darüber hinaus die Möglichkeit einer
Verbildlichung der Schrift an, die keines der beiden
Zeichensysteme unverändert läßt. So stellt
Bolter heraus: "Die Illusion der Präsenz wird im
Internet neben einfallsreicheren und intelligenteren Formen
hypertextueller Kommunikation existieren, in denen Wort und
Bild auf selbstbezügliche Art miteinander
interagieren."(26) Diese Art transversaler, d.h.
querlaufender Interaktion, durch die beide Relate in ihrem
Inneren transformiert werden, kommt in den Blick, wenn man
die Verbildlichung der Schrift mit der in sie eingebundenen
Tendenz zur Verschriftlichung des Bildes zusammendenkt.
Ähnlich wie die Bilder,
die in einer Theateraufführung auf der Bühne eine
dramaturgische Rolle spielen, vom Zuschauer nicht isoliert
als Bilder rezipiert werden, sondern als Bilder, die Bilder
darstellen, können piktoriale Zeichen auf dem digitalen
Schauplatz des Docuverse als Verweisungen fungieren, die in
den konkreten Handlungsraum des pragmatischen
Netznutzungsgeschehens eingebunden sind. Diese pragmatische
Abkopplung des Bildes von seiner Abbildungsfunktion
bezeichne ich als Verschriftlichtung des Bildes. Wenn wir
Schriftzeichen lesen, lesen wir nicht jeden Buchstaben und
jedes Wort als etwas, das aufgrund irgendeiner
Ähnlichkeitsrelation zu etwas Außersprachlichem
in Beziehung steht. Wir lassen uns beim Lesen vielmehr von
einem Buchstaben zum nächsten, von einem Wort zum
nächsten, von einem Satz zum nächsten usw.
verweisen. Eine solche flottierende Lektüreform spielt
sich im World Wide Web auch beim Umgang mit piktorialen
Zeichen ein. Wir lesen das Bild als ein Zeichen, das uns
nicht nur semantisch, sondern auch und vor allem
pragmatisch, d.h. durch einen einfachen Mausklick auf andere
Zeichen verweist.
Im gleichen Zug
verändert sich auch unser Umgang mit der Schrift. Und
zwar derart, daß die flottierende Lektüre von
Schriftzeichen durch eine für das hypertextuelle World
Wide Web charakteristische bildhafte Dramatisierung des
Zeichenarrangements modifiziert wird. Hypertextuelle Links
fungieren in der digitalen Schrift als Schnittstellen, die
den linearen Zeichenfluß des einzelnen Textes
konterkarieren und sich statt dessen als gedankliche
Knotenpunkte anbieten, die dem Leser die Möglichkeit
geben, im Vollzug der Lektüre die individuelle
Konstellation des Textes, d.h. die Abfolge von
Textbausteinen und den unmittelbaren Anschluß an
Inter-, Para-, Meta- und Hypotexte aktiv mitzugestalten. In
diese offene, nicht-lineare Art der flottierenden Rezeption
von Zeichen gehen Wahrnehmungsformen ein, die wir aus der
Rezeption von Bildern kennen. Bei der Wahrnehmung eines
Bildes werden wir - anders als bei der Lektüre eines
Buches - nicht von vornherein dazu verführt, einem
linearen Abfolge-Pattern des Gedankenaufbaus zu folgen. Die
piktorialen Elemente, aus denen sich ein Bild zusammensetzt,
eröffnen vielmehr unterschiedliche Muster der
nicht-linearen Rezeption und damit unterschiedliche Formen
der Lektüre und der Konstruktion des Bildes als
sinnhafter Einheit.
Die semiotische Verfassung
theatraler Textualität läßt sich auf diesem
Hintergrund rezeptionsästhetisch als eine
Wahrnehmungshaltung bestimmen, die zwischen den beiden
Extremen einer unmittelbaren, aktiven Partizipation, die das
reale Handeln in der konkreten Lebenspraxis charakterisiert,
und der reflektierenden Distanz der Theorie anzusiedeln ist,
die durch das Medium des Buches befördert wird. Die
Theatralisierung unseres Umgangs mit Bild, Sprache und
Schrift, die sich im World Wide Web vollzieht,
kristallisiert sich in einer Verfassung von
Textualität, die den Leser aktiv in das Geschehen nicht
nur der interpretativen Sinnkonstitution, sondern auch der
materiellen Textkonstruktion miteinbezieht. Der Leser eines
Hypertextes ist nicht nur theoretisch engagiert in dem Sinn,
daß er interpretierend den Sinn des Textes miterzeugt.
Durch die individuelle Auswahl der Links greift er
darüber hinaus in den textuellen Raum mit ein und
konstruiert das, was er liest, indem er es liest.
Zusammenfassend kann man
sagen, daß sich die rezeptionsästhetische
Spezifität theatraler Texte in einer pragmatischen
Theatralisierung unserer Zeichenverwendung und
Sinnkonstitution niederschlägt. Der aktive
Verstehenscharakter, der dem hermeneutischen Geschehen der
Lektüre eigen ist, wird durch die pragmatische
Dimension theatraler Textualität expliziert und
radikalisiert. Zugleich unterscheidet sich die
Theatralität digitaler Hypertexte durch diese ihre
pragmatische Dimension von der Theatralität des
Theaters. Zwar sind beide Theatralitäten in einem
poietischen Mittelbereich zu situieren, der zwischen den
Extremen der handelnden Praxis und der reflektierenden
Theorie liegt. Aber die Theatralität theatraler Texte
ist aufgrund ihrer pragmatischen Signatur unmittelbarer mit
der Praxis verbunden als die Theatralität des Theaters,
die aufgrund ihrer ästhetisch-künstlerischen
Signatur vielmehr enge Verbindungen zur distanzierten Welt
der Theorie unterhält.
InterSzene /
14.-16. 7. 2000 /
Romainmôtier
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