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www.dichtung-digital.de/Forum-Kassel-Okt-00/Krajewski
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Forum Ästhetik
Digitaler Literatur
(Un)Tiefen elektronischer
Textarchive
Zu Status und Produktionsbedingungen
digitaler Literatur
von Markus
Krajewski
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"Es ist
wie bei den Filmemachern, sie wissen, dass die Form, der
Schnitt das Wichtigste ist", bemerkt Walter Kempowski, "Herr
der Tagebücher", eifriger Sammler von Ritterburgen und
akribischer Archivar des zweiten Weltkriegsalltags. "Das
Echolot wäre ungenießbar, wenn man alles
nur so aneinanderreiht. Man muß eingreifen." 1993
erscheint gemäß diesem Imperativ auf 3200 Seiten
Kempowskis erstes Echolot, ein Versuch, anhand von
Briefen, Tagebüchern, Feldpost, Wehrmachtsberichten,
Pressemeldungen, Augenzeugenberichten das Reale des Zweiten
Weltkriegs nicht in Form des Films, der zu jener Zeit nur
wenigen Auserwählten als Dokumentar- und
Propaganda-Instrument zur Verfügung stand, sondern in
Form eines sog. kollektiven Tagebuchs zu
rekonstruieren. Das Echolot I sondiert die ersten
acht Wochen des Jahres 1943, einen Zeitabschnitt also, in
den so folgenreiche Wendungen wie beispielsweise die
Entscheidung um Stalingrad fallen. Dies erfolgt in der
Gleichzeitigkeit und dem Nebeneinander der verschiedensten
Stimmen, darunter bekannte wie etwa die Leutnant
Jüngers oder Thomas Manns, vornehmlich jedoch mit der
Kakophonie der unbekannten und vergessenen Zeitgenossen. Von
einem Vorwort im ersten Band abgesehen, enthält das
gesamte Echolot-Projekt - einschließlich der
1999 erschienenen Bände über vier Wochen zu Beginn
des Jahres 1945 - kein einziges selbstgeschriebenes Wort des
"Autors". Kempowski ist nichts als die Schnittstelle, d.h.
der Mann am Regler. Sein Eingriff regelt die Auswahl aus dem
Fundus der versammelten Archivalien, ordnet die Stimmen
gemäß ihrer Chronologie und arrangiert sie zu
einzelnen Tagen, die ihrer zeitlichen Abfolge entsprechend
zusammengestellt werden. Das Resultat erscheint in aller
Konventionalität als Buch in jeweils vier
Bänden.
Szenen einer
Produktionsästhetik
"Wenn man Wind darstellen
will, kann man das nur im Kornfeld, wo Millionen von Halmen
hin und her gewiegt werden. Der einzelne Halm ist nicht
genug."[1]
Demzufolge beginnt Kempowski ungefähr ab 1980,
systematisch Tagebücher, Leserbriefe von Augenzeugen,
zeitgenössische Korrespondenzen sowie Photographien des
zweiten Weltkriegs in seinem Haus bei Bremen
anzuhäufen, um das Material in seiner
Diversifizität nebeneinander bereitzuhalten. Inzwischen
beläuft sich die Sammlung auf ca. 5.800
Registraturnummern für Texte neben ca. 300.000
Abbildungen als Photographien in Alben oder als unsortierte
Konvolute bzw. Einzelbilder. So versammelt sich seit zwanzig
Jahren im Haus Kreienhoop in einem Archiv über tausende
von Seiten hinweg das Kleinste, das im Moment noch wichtig
erscheint, um einen real aufzeichnenden Blick auf die
Nebensächlichkeiten des Zweiten Weltkriegs im Schatten
der Großereignisse freizulegen. Aufgrund eines Aufrufs
in großen deutschen Wochen- und Tageszeitungen in den
80er Jahren erreichte täglich bis zu einem Dutzend
Pakete das Echolot-Archiv - ein bis heute ununterbrochen
andauernder Poststrom.
Die eingehenden Dokumente
werden nach dem bibliothekarisch bewährten
Numerus-currens-Verfahren registriert, d.h. in der Ordnung
des Eintreffens aufgestellt und inhaltlich auf Karteikarten
im Format Din A6 erschlossen. Die Karten werden wiederum in
Karteikästen alphabetisch sortiert und bilden damit
gleichzeitig ein Schlagwortregister. Das in dieser Weise
denkbar traditionell und nach herkömmlichen
Grundsätzen der unelektronischen Archivwissenschaft
versammelte Material wird jedoch anschließend
entsprechend der Schlagworte selektiert, um sodann sowohl
Manuskripte sorgfältig abschreiben als auch die
gedruckten Texte mit einem OCR-Verfahren in digitale Formate
überführen zu können. Daraufhin werden die
Texte nach Tagen sortiert und in Dateien für die
jeweiligen Tage abgelegt.
Frage eines Interviewers:
"Sie stoßen doch wohl immer noch auf neue
Aufzeichnungen. [Kempowski:] Wir haben das alles im
Computer gespeichert. In acht Jahren, (lacht:) wenn ich da
noch lebe, wird das ganze Projekt abgeschlossen sein, und
alles wird im Internet jederzeit mit entsprechenden
Ergänzungen abrufbar sein die wiederum
können aber nur über Nachträge erfolgen,
sonst müßte alles neu collagiert werden, weil die
Texte bereits sorgfältig aufeinander bezogen wurden.
Massen-Bewegungen sind ja schwer zu collagieren. Es ist wie
bei einem Zollstock, den man zu weit ausziehen kann. Wenn
man dies und das noch unterbringen will, läuft die
Sache Gefahr zu kippen. Der Sog muß aber erhalten
bleiben. Dieser Sog hat mitunter den eigenartigen Effekt,
als würde ein Individuum in viele Einzelteile
zersplittern."[2]
Erst unter Bedingungen eines
digitalisierten Textarchivs beginnt das eigentliche
Arrangement, die Auswahl und Zubereitung der Schnittstellen
der einzelnen Texte, denen nun ein sie einender Faden
eingewoben wird, damit sich Textfragment an Textfragment
fügt. Kempowski und ein Mitarbeiter bilden nunmehr ein
elektronisches Aufschreibesystem. "Wir haben da einen
Simultancomputer, ich sitze links, er rechts, und wenn es
ans Collagieren geht, dann sage ich ihm, wie ich das haben
möchte." Mit dem Übergang von der unelektronischen
in eine digitale Variante des Textfundus ereignet sich ein
qualitativer Statuswechsel des Materials, der überhaupt
erst die Handhabung des so weitverzweigten wie disparaten
Materials ermöglicht.
Hier
soll es weniger um die möglicherweise dringenden Fragen
und Problematiken des Arrangements, der Schnitt-Stelle, der
geschliffenen Kante gehen, mit der sich die Textbausteine
folgsam aneinander reihen. Dies sei einer literatur-
wissenschaftlichen Analyse des Echolots vorbehalten.
Statt dessen sollen hier die Produktionskontexte in den
Blick geraten, auf die ein so umfangreiches
Buchstabeneinlese- und Textverschiebungs-Projekt wie das
Echolot vertraut und angewiesen ist. Doch bleibt
festzuhalten, dass erst der wohlgesetzte Schnitt, die
Diskontinuität im Lesefluss, der Ausstieg aus einer
vorgeformten Linie von diskreten Zeichen kaum zufällig
an hypertextuelle Schriftformen erinnern, wobei die
vorgefertigte Verschaltbarkeit von unterschiedlichen
Textfragmenten vielleicht sogar als das Charakteristikum des
Hypertexts gelten kann.
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Anmerkungen:
[1]
Claus Philipp, "Wenn man Wind darstellen will..."
Katastrophe und Eigensinn. Ein gigantisches Ausnahmeprojekt
als literarische, historische Herausforderung. In: Der
Standard, 18./19. Dezember 1999, Seite A2.
[2]
Ebd., Seite A2
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