Das
Rätsel, das Enigma, speiste sich dabei aus den Reizen
der raritas, novitas, obscuritas. Es waren genau diese Reize
des rätselhaft Dunklen, geheimnisvoll
Ungewöhnlichen und auch bizarr Absonderlichen, welche
den Erfolg, die Aufnahme und Verwendung der Emblemata in
weiten Kreisen der Rezipienten sicherten und welche
gleichzeitig nach einer Auslegung des Dargestellten durch
das Wort verlangten. Diese Doppelfunktion des Deutens und
Darstellens speist m. E. jede geglückte
Wort-Bild-Beziehung.
Für die Literaturform
des 21. Jahrhunderts, für Hyperfiction meint dies
nicht, die Picturae der Renaissance- und Barock-Hieroglyphik
einzuscannen und animierten Epigrammen
gegenüberzustellen. Was digitale Literatur aus
literarischer Tradition vielmehr lernen kann, ist m.E.
folgendes: Einerseits bedarf es einer Korrespondenz zwischen
Wort und Bild, d. h. eines wie auch immer gearteten
logischen Bezuges, einer Abfolge, eines Sinnzusammenhangs,
einer horribile dictu linearen
Struktur.
Das visuelle Geschehen des
Bildes muss durch das Wort aufgegriffen werden, das Wort
muss auf das Bild verweisen, zwischen beiden muss um
den Begriff noch einmal zu nennen das Verhältnis
einer Korrespondenz bestehen.
Andererseits und das
eine ist hier ohne das andere nicht zu haben darf
sich dieser Bezug in der Wort-Bild-Beziehung im Gesamtbau
eines Hypertextes nicht in dieser bloßen
Korrespondenzfunktion erschöpfen. Es bedarf also
anderer, neuer Bilder. Harsdörffer liefert im 17.
Jahrhundert so etwas wie eine Rezeptur des perfekten
Emblems. Sie ist mit allen Vorbehalten, die gegenüber
regelpoetischen Äußerungen angebracht sind, zu
genießen. Die Definition besitzt jedoch genug
Substanz, um bis auf den heutigen Tag als Denkimpuls zu
fungieren. Harsdörffer schreibt: Die besten
[Embleme] sind meines Bedunkens, welche in dem
Mittelstande nicht allzuhoch / nicht allzu nieder
kommen: die wol verstanden werden können / aber
nicht gleich einem jeden eröfffnet darliegen.
Soll heißen: Neben der Korrespondenzfunktion (Bsp.
Draußen
im Garten) von Wort
und Bild müssen in der Wort-Bild-Beziehung weitere
Funktionen hinzukommen. Das Wort muss mehr sagen, als im
Bilde zu sehen ist. Das Bild muss mehr zeigen, als sich
durch das Wort erklären lässt. Das Wort muss
sagbar machen, was das Bild enthält, aber es sagt im
Idealfall mehr als das. Es dokumentiert, dass sich unser
Sehen in keine Ordnung des Wissens fügt. Das Bild
wiederum sollte zeigen, was das Wort beschreibt, aber es
sollte auch zeigen, was in Worten nicht auszudrücken
ist. Das visuelle Geschehen kann nicht allein auf seine
sichtbaren Bedeutungsanteile reduziert
werden.[18]
Man hat diese Wort-Bild Funktionen als Konnotationsfunktion
(Bsp.: Digital-Troja)
bzw. Konfrontationsfunktion (Bsp.: boyfriend)
bezeichnet und beschreibt damit doch letztlich nur, was das
Barock bereits als novitas, raritas, obscuritas bereits
gefasst hat. Mit einem zentralen Unterschied: Bei aller
Rätselhaftigkeit und allem Schleier an Bedeutung, der
über der barocken Pictura des Emblems liegen konnte und
sollte, ließ sich die Idee, der Sinn, die Bedeutung
des Bildes letztlich über den Text aufschließen.
Der Sinn war fixierbar, die Welt als Schöpfung Gottes
war auf ein eindeutiges Muster hin interpretierbar. Das
geteilte Wissen über die Welt speiste sich aus einer
Quelle und diese Quelle waren die Heilige Schrift und ihre
antiken Antipoden.
Mit anderen Worten: Jedes
Bild und jeder Text war am Ende auf ein Sinn, ein
Logos-Wort, eine ursprüngliche Bedeutung
rückführbar.
Auf ein solch
verbürgtes Wissen kann das 21. Jahrhundert und die in
ihm dominierenden literarischen Formen nicht mehr blicken.
An die Stelle der Linie, welche als Metapher für das
eben beschriebene, verbürgte, kausal voranschreitende
Interpretationsmuster fungieren kann, treten bei der
Beschreibung von Hyperfictions die Metaphern des Netzes, des
Rhizoms. Das Rhizom
(Beat Suter: Hyperfiktion und interaktive Narration) bietet
eine anti-hierarchische Struktur, ein System von Verweisen
und Deutungen, dessen Verzweigungen keinen Mittelpunkt
besitzen, kein Logos-Zentrum, in dem eine letzte Bedeutung
fokussiert wäre, auf die alles zurückführbar
ist. Einfacher gesagt: Die Knüpfungen des Gewebes an
Verweisen und Bezügen, welches sich über die Welt
breitet, sind unauflösbar geworden. Gleichrangige Welt-
und Erklärungsmodelle treten einander gegenüber.
Bedeutungen changieren, Bedeutungszusammenhänge werden
komplexer. Der Lauf der Welt erscheint weniger begreifbar,
er muss in Bildern und Metaphern festgehalten werden, deren
Sinn nicht ein- für allemal feststeht, sondern
über den sich der Hypertext immer neu verständigen
muss. Deutlich wird: Nichts ist länger eindeutig. Das
Bild wird zur Chiffre, zur Hieroglyphe, zu einer Münze,
deren Prägung auf der einen Seite erkennbar ist, auf
der anderen Seite sich abgeschliffen hat. Das Wort ist die
andere Seite. Es lässt erahnen, was auf der
Rückseite des Bildes sich befunden hat. Es leistet
einen Beitrag zur Dechiffrierung. Es entziffert einige
Seiten, jedoch nicht den gesamten Text. Es ist wie in
altertümlichen Höhlenmalereien: Sie sind
verblasst, und es bedarf mühsamer
Rekonstruktionsanstrengungen, ihnen ihr ursprüngliches
Geheimnis zu entlocken. Wir lösen einen Teil des
Rätsels, wir finden einige Stücke des Puzzles, das
gesamte Bild setzen wir niemals zusammen. Versuchen wir es
dennoch, geraten wir ein wenig in die Situation der
opportunistischen Geliebten in Norman Jewisons Film
Cincinnati-Kid. Frustriert von allzu langer
Suche vor einem komplexen Puzzle-Spiel sitzend, hat die
junge Frau eine Schere neben sich liegen, mit der sie sich
die einzelnen Teile passend schneidet, um sie
anschließend mit der Faust ins entstehende Bild zu
hämmern. Am Ende sind alle Puzzle-Stückchen
untergebracht. Die Kamera aber und mit ihr das Auge
des Betrachters schwenkt angewidert von dem
entstandenen Machwerk ab.