www.dichtung-digital.de/Forum-Kassel-Okt-00/Daiber


Forum Ästhetik Digitaler Literatur

Daiber: „Ut pictura poesis” – oder: Ars poetica für Hyperfiction

top - 1 - 2 - 3 - 4 - 5

b) Hypertext

Von den mittlerweile unüberschaubar gewordenen Definitionsvorschlägen zum überstrapazierten Terminus „Hypertext“ scheint mir die Kennzeichnung von Hypertext als einem „Medium der nicht-linearen Organisation von Informationseinheiten“ die überzeugendste zu sein.[7]

Nicht-Linearität meint hierbei schlicht, dass dem Leser mehrere Möglichkeiten der Lektüre beim Gang durch den Text offenstehen, da dieser sich aus unterschiedlichen Informationseinheiten zusammensetzt. Da diese Informationseinheiten zudem aus unterschiedlichen Medien bestehen können – Text, Bild, Ton – wird Hypertext heute in einem Atemzug mit dem Terminus Hypermedia genannt. Hypertext oder Hypermedia – Prämisse und zentrales Argument bleibt, dass die Präsentationsform des Dargestellten sich dem Rezipienten in vernetzt topologischen, nicht-linearen Strukturen darbietet.[8] An dieser Stelle muss auf eine terminologische Verwirrung hingewiesen werden: Die Darstellung der Information in einem Hypertext ist nicht-linear, vernetzt, verschachtelt, multi-dimensional. Die Rezeption dieser nicht-linear dargestellten Informationseinheiten erfolgt jedoch linear. Linear in dem Sinne, dass einem Hypertextleser gar nichts anderes übrig bleibt, als sich in einer Hypertextsitzung Schritt für Schritt in linearer Abfolge seine Pfade durch den Hypertext zu schlagen.

Dies ist insofern wichtig, als dieses Argument auch auf die Struktur des Hypertextes selbst anwendbar wird. Die Tatsache, dass ich Information formal nicht-linear darzubieten vermag, muss nicht zwangsläufig auf eine Nicht-Linearität des Inhalts verweisen.

Meine These – die ich am Punkte der Multimedialität belegen will – ist vielmehr folgende:

Ein vollkommener Verzicht auf lineare, chronologische Linien innerhalb der Erzählung – also Nicht-Linearität auf der Inhaltsseite – dekonstruiert die Nicht-Linearität der Form des Hypertextes zu einer amorphen Masse, die keinesfalls das Leseinteresse fördert. Die durchschnittliche Dauer eine Internet-Session beträgt eine halbe Stunde, die durchschnittliche Verweildauer bei einer Webseite 55 Sekunden. Dies im Hinterkopf, scheint mir jeglicher Verzicht auf Kausalität, Linearität und organisierte Abfolge innerhalb der Linie der Erzählung auch für digitale Literatur fatal. Ein solcher Verzicht wird bei den meisten Lesern nicht gesteigertes Dechiffrierinteresse des Hyperfiction, sondern schlicht und ergreifend Langeweile angesichts ausbleibenden Text- und Bildverständnisses hervorrufen und zwangsläufig den Akt des Wegklickens nach sich ziehen.

Aus hermeneutischer Perspektive gilt der Grundsatz, dass Leseinteresse nur durch eine schrittweise Abnahme der Informationsdifferenz zwischen Text und Rezipienten erzeugt werden kann. Der Rezipient unterzieht sich mit anderen Worten nur dann der Mühe der Rekonstruktion einer ihm unbekannten Weltversion, wenn der Text ihn zuvor mit Bekanntem zur Lektüre dieser Weltversion reizt. Erst dieses Wechselspiel von Bekanntem und Unbekanntem, von kontingenten und kohärenten Bausteinen sichert Aufmerksamkeit. Diese für die Buchliteratur gültige Erkenntnis behält möglicherweise auch für Hyperfiction Relevanz und lässt sich nicht ohne weiteres aushebeln. Konkret und als Formel ausgedrückt: Je nicht-linearer Text- und Bildorganisation auf der Seite der Form präsentiert werden, desto notwendiger ist es, die Flut der Information inhaltlich auf einen rezipierbaren Algorithmus zurückzuführen. Ich denke, dass die Linearität der Erzählung ein unverzichtbarer Bestandteil dieses Algorithmus’ ist. Dass jede Geschichte einen Anfang, eine Mitte und eine Ende hat – bei allen Rückblenden, Vorausdeutungen, simultanen Erzählsträngen, wechselnden Figurenperspektiven, die ja auch gedruckte Literatur seit langem kennt – ist mehr als eine liebgewordene Gewohnheit, die ich jederzeit abstreifen kann. Der amerikanische Romancier John Barth betont, dass die Linearität der Erzählung auf das Humanste unserer Erfahrungsweise entspreche. Dazu Barth:

„Wir leben und denken und nehmen wahr und handeln in der Zeit, und Zeit bedeutet Sequenz, und Sequenz begründet die Erzählung ....Geschichten sind linear, selbst wenn ihr Gegenstand es oft nicht ist, und sie bleiben auch dann linear, wenn sie unchronologisch erzählt werden...“[9]

Um diese These einer nicht-linearen Organisation der Erzählung, bei gleichzeitig linearer, narrativer Inhaltsstruktur aus der Sphäre bloßer Spekulation herauszubefördern, bedarf es noch einer Vielzahl empirischer Studien, die Aufschluss über das Rezeptionsverhalten bei der Lektüre von Hyperfictions geben. Exakt diese Studien fehlen bisher weitgehend oder kommen – so vorhanden – zu uneinheitlichen Ergebnissen.[10]

Es bleibt also abzuwarten, welche ästhetische Struktur die nächste Generation der Hypertexte aufweisen. Jene einer verstärkt nicht-linearen Informationsaufbereitung, die dann auf eine veränderte Wahrnehmungsmentalität beim Rezipienten stoßen müssen. Oder aber – wovon ich ausgehe – jene einer Mischform, sprich: eines ausbalancierten Wechselspiels zwischen nicht-linearer, kontingenter und linearer, kohärenter Informationsaufbereitung.

1 - 2 - 3 > 4 - 5


Anmerkungen

[07] Rainer Kuhlen: Hypertext. Ein nicht-lineares Medium zwischen Buch und Wissensbank. Berlin/Heidelberg 1991, S. 27.

[08] Der Begriff „Linearität“ stammt ursprünglich aus der Mathematik. Hier bezeichnet er eine Beziehung, welche die durch sie verknüpften Größen in eine regelhafte Folge bringt. So ist etwa in der Geometrie mit dem linearen Verlauf einer Kurve ein geradliniger Verlauf bezeichnet, dessen Ausdehnung sich nach einer Richtung vollzieht und dessen Entwicklung dadurch voraussagbar wird.

[09] In: Dieter E. Zimmer: Die Bibliothek der Zukunft. Hamburg 2000, S. 57.

[10] Die Ergebnisse dieser Studien fasst zusammen: Jürgen Daiber: Literatur und Nicht-Linearität. Ein Widerspruch in sich? In: Jahrbuch für Computerphilologie 1(1999), S. 28f.