Von den
mittlerweile unüberschaubar gewordenen
Definitionsvorschlägen zum überstrapazierten
Terminus Hypertext scheint mir die Kennzeichnung
von Hypertext als einem Medium der nicht-linearen
Organisation von Informationseinheiten die
überzeugendste zu
sein.
[
7]
Nicht-Linearität meint
hierbei schlicht, dass dem Leser mehrere Möglichkeiten
der Lektüre beim Gang durch den Text offenstehen, da
dieser sich aus unterschiedlichen Informationseinheiten
zusammensetzt. Da diese Informationseinheiten zudem aus
unterschiedlichen Medien bestehen können Text,
Bild, Ton wird Hypertext heute in einem Atemzug mit
dem Terminus Hypermedia genannt. Hypertext oder Hypermedia
Prämisse und zentrales Argument bleibt, dass die
Präsentationsform des Dargestellten sich dem
Rezipienten in vernetzt topologischen, nicht-linearen
Strukturen darbietet.[8]
An dieser Stelle muss auf eine terminologische Verwirrung
hingewiesen werden: Die Darstellung der Information in einem
Hypertext ist nicht-linear, vernetzt, verschachtelt,
multi-dimensional. Die Rezeption dieser nicht-linear
dargestellten Informationseinheiten erfolgt jedoch linear.
Linear in dem Sinne, dass einem Hypertextleser gar nichts
anderes übrig bleibt, als sich in einer
Hypertextsitzung Schritt für Schritt in linearer
Abfolge seine Pfade durch den Hypertext zu
schlagen.
Dies ist insofern wichtig,
als dieses Argument auch auf die Struktur des Hypertextes
selbst anwendbar wird. Die Tatsache, dass ich Information
formal nicht-linear darzubieten vermag, muss nicht
zwangsläufig auf eine Nicht-Linearität des Inhalts
verweisen.
Meine These die ich
am Punkte der Multimedialität belegen will ist
vielmehr folgende:
Ein vollkommener Verzicht
auf lineare, chronologische Linien innerhalb der
Erzählung also Nicht-Linearität auf der
Inhaltsseite dekonstruiert die Nicht-Linearität
der Form des Hypertextes zu einer amorphen Masse, die
keinesfalls das Leseinteresse fördert. Die
durchschnittliche Dauer eine Internet-Session beträgt
eine halbe Stunde, die durchschnittliche Verweildauer bei
einer Webseite 55 Sekunden. Dies im Hinterkopf, scheint mir
jeglicher Verzicht auf Kausalität, Linearität und
organisierte Abfolge innerhalb der Linie der Erzählung
auch für digitale Literatur fatal. Ein solcher Verzicht
wird bei den meisten Lesern nicht gesteigertes
Dechiffrierinteresse des Hyperfiction, sondern schlicht und
ergreifend Langeweile angesichts ausbleibenden Text- und
Bildverständnisses hervorrufen und zwangsläufig
den Akt des Wegklickens nach sich ziehen.
Aus hermeneutischer
Perspektive gilt der Grundsatz, dass Leseinteresse nur durch
eine schrittweise Abnahme der Informationsdifferenz zwischen
Text und Rezipienten erzeugt werden kann. Der Rezipient
unterzieht sich mit anderen Worten nur dann der Mühe
der Rekonstruktion einer ihm unbekannten Weltversion, wenn
der Text ihn zuvor mit Bekanntem zur Lektüre dieser
Weltversion reizt. Erst dieses Wechselspiel von Bekanntem
und Unbekanntem, von kontingenten und kohärenten
Bausteinen sichert Aufmerksamkeit. Diese für die
Buchliteratur gültige Erkenntnis behält
möglicherweise auch für Hyperfiction Relevanz und
lässt sich nicht ohne weiteres aushebeln. Konkret und
als Formel ausgedrückt: Je nicht-linearer Text- und
Bildorganisation auf der Seite der Form präsentiert
werden, desto notwendiger ist es, die Flut der Information
inhaltlich auf einen rezipierbaren Algorithmus
zurückzuführen. Ich denke, dass die
Linearität der Erzählung ein unverzichtbarer
Bestandteil dieses Algorithmus ist. Dass jede
Geschichte einen Anfang, eine Mitte und eine Ende hat
bei allen Rückblenden, Vorausdeutungen, simultanen
Erzählsträngen, wechselnden Figurenperspektiven,
die ja auch gedruckte Literatur seit langem kennt ist
mehr als eine liebgewordene Gewohnheit, die ich jederzeit
abstreifen kann. Der amerikanische Romancier John Barth
betont, dass die Linearität der Erzählung auf das
Humanste unserer Erfahrungsweise entspreche. Dazu
Barth:
Wir leben und denken
und nehmen wahr und handeln in der Zeit, und Zeit bedeutet
Sequenz, und Sequenz begründet die Erzählung
....Geschichten sind linear, selbst wenn ihr Gegenstand es
oft nicht ist, und sie bleiben auch dann linear, wenn sie
unchronologisch erzählt
werden...[9]
Um diese These einer
nicht-linearen Organisation der Erzählung, bei
gleichzeitig linearer, narrativer Inhaltsstruktur aus der
Sphäre bloßer Spekulation herauszubefördern,
bedarf es noch einer Vielzahl empirischer Studien, die
Aufschluss über das Rezeptionsverhalten bei der
Lektüre von Hyperfictions geben. Exakt diese Studien
fehlen bisher weitgehend oder kommen so vorhanden
zu uneinheitlichen
Ergebnissen.[10]
Es bleibt also abzuwarten,
welche ästhetische Struktur die nächste Generation
der Hypertexte aufweisen. Jene einer verstärkt
nicht-linearen Informationsaufbereitung, die dann auf eine
veränderte Wahrnehmungsmentalität beim Rezipienten
stoßen müssen. Oder aber wovon ich ausgehe
jene einer Mischform, sprich: eines ausbalancierten
Wechselspiels zwischen nicht-linearer, kontingenter und
linearer, kohärenter Informationsaufbereitung.