www.dichtung-digital.de/Autoren/Loeser/30-Nov-99


1. Claudia Klinger
2. Michael Charlier

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Claudia Klinger am 13.12.1999 in der Mailingliste Netzliteraur.de

Hi Leute, http://www.dichtung-digital.de/Autoren/Loeser/30-Nov-99 Diesen Artikel über Hypertexte hab' ich gerade gelesen - mich wundernd, wie selbstverständlich und gern ich mittlerweile derart "lange" Texte am Bildschirm lese! Vielleicht alles nur Gewohnheitssache? Inhaltlich gäbe es dazu viel zusagen, erstmal nur ein Gesamteindruck: der Autor scheint einen ausgesprochen "erzieherischen" Impetus zu haben, beurteilt Hypertexte und das Lesen & Verfassen derselben vom Standpunkt gesellschaftspolitischer Nützlichkeit aus. Ist das nicht ein Anliegen, dem auch die Printliteratur lange schon nicht mehr genügen mag? Geschweige denn andere Künste? Ein Zitat als Beispiel für mehrere: >>Lebensweltliche Problemlagen werden, so läßt sich argumentieren, in den neuen Medien gerade nicht bewältigt, sondern ausgeblendet und auf ungewisse Zeit vertagt - sie können jederzeit wiederkehren und treffen dann möglicherweise auf einen unvorbereiteten Computerbenutzer. Dieser Nutzer hat schließlich nur wenig Gelegenheit, von seinen Kommunikationen am Computer "fürs Leben" zu lernen. Es bietet sich ihm nur wenig Anlaß, die Daten auf der Bildschirmoberfläche mit der eigenen Erfahrungswirklichkeit in Verbindung zu bringen. Allzuoft entstehen lediglich "possible worlds" im Kopf, deren Vorhandensein im Belanglosen verbleibt und auf keine produktive Auseinandersetzung mit der Realität hinausläuft.<<

Mein Gott, soviel Fürsorge! Würde man so im Bereich der bildenden Kunst argumentieren, bliebe fast nur noch der Sozialistische Realismus als Möglichkeit "korrekter Kunst" offen. Zudem wird hier eine unhinterfragte Teilung in "Leben" und "Computer-benutzen" bzw. "Neue Medien" vorgenommen, die mehr als fraglich ist! Man kann doch problemlos den Alltag eines Menschen in städtischer Hochzivilisation mit den Worten beschreiben: steht auf, ißt, trinkt, trifft Freunde/Familie, arbeitet oder auch nicht, kauft ein, unterhält sich, so gut er kann, spielt, lernt, feiert, wird manchmal krank, geht abends schlafen. Und zur Kommunikation über all das und zur Organisation bzw. Realisierung all dieser Aspekte nutzt er die je zeitgemäßen Medien. Was soll also diese Trennung? Und: Auch an einem Buch liebe ich es, dass es mir gestattet "lebensweltliche Probleme auszublenden". Entsprechend hat man früher Viellesern den Vorwurf gemacht, ihnen gerate "das echte Leben" aus dem Blick. Heute dagegen gelten Vielleser als Garanten gesellschaftlicher Werte und sozialen Engagements.... :-)

Besten Gruss Claudia www.claudia-klinger.de

 

Michael Charlier am 14.12.1999 in der Mailingliste Netzliteraur.de

Je näher Löser mit seiner Kritik an den literarischen Hypertexten bleibt, desto mehr stimme ich mit ihm überein. Und je weiter er den Bogen zu "Computer und Netz allgemein" schlägt, desto weniger kann er mich überzeugen. Vielleicht versteht er vom ersten einfach viel mehr als vom zweiten. Deshalb halte ich es auch für nicht gelungen, wenn er einleitend insinuiert: "Dennoch kann es nicht schaden, den folgenden Text über literarische Hypertexte auch einmal so zu lesen, als seien die Strukturen des Internets insgeheim immer mit gemeint." Dafür ist das Netz heute schon viel zu heterogen.

Wenn Löser Ahistorizität und Lebenswelt-Ferne von "Computer und Internet" beklagt, kommt darin sicher ein Reflex populärer Vorurteile zum Ausdruck. Ich sehe darin aber auch eine berechtigte Reaktion auf den von ihm sehr gut dargestellten Hype der Theoretiker, die das bescheidene Gewebe ihrer Hypertexte gleich für ein Weltmodell, das Weltmodell halten. Insofern ist der eine erzieherische Impetus dem anderen durchaus ebenbürtig. Und daß das Netz inzwischen nicht nur alles ins Unverbindliche nivelliert und sich von der wirklichen Welt absetzt (Löser gegen Ende seines 3. Abschnittes), könnte er ja aus Erscheinungen wie der Reaktion "des Netzes" auf den Fall etoy.com" sehen. Und er ahnt ja auch, wie die letzten Sätze signalisieren, daß da erhebliches Potential liegt.

Daß es einen aufregen kann, wie sehr Dogmatismus und bewußtes "an der Realität vorbeisehen" sich in einer der "modernsten" und "technisch fortgeschrittensten" Literaturgattungen breit machen, kann ich gut nachvollziehen. Schön beobachtet die Kritik an der Bereitschaft von Carolyn Guyer, "ein zentrales Charakteristikum literarischer Texte, nämlich den zugrunde liegenden Formwillen, einer vagen Vorstellung von demokratischen Strukturen unter (zu ordnen)". Ich finde conzept art eigentlich in jeder Form langweilig, aber wenn sie sich darauf beschränkt, Political correctness zu illustrieren (ist also gar nicht so unpolitisch, wie Löser beklagt), kriege ich das ganz große Gähnen.

Sehr anregend fand ich auch die letzten Absätze des 2. Abschnittes, in denen Löser kritisiert, daß die Anreicherung von CD-Literatur durch "Dokumente" der verschiedensten Art eher der Selbststilisierung des Autors dient und die Freiheit des Lesers mehr einschränkt als erweitert. Was im Kontext der Literatur oder der Diskussion über die Freiheit des Lesers als Schwäche erscheint, kann aber in anderen Zusammenhängen (Lehr- und Sachbuch) auch positive Züge annehmen - wenn man sich von dem Dogma befreit, daß man nichts vor-schreiben dürfe, sondern alles müsse zumindest so aussehen, wie von selbst gewachsen.

An der Stelle hätte ich mir mehr Eingehen auf die deutsche Szene gewünscht. Guido Grigta bringt ja in 23:40 (na gut, vielleicht kein Hypertext, aber sehr kollektiv) seinen Formwillen auf sehr nachdrückliche Weise zur Geltung, und in Susanne Berkenhegers "echtem" Hypertext "Hilfe" fehlt es daran auch nicht.

In der Hauptsache und der Hauptargumentation liegt Löser m.E. wohl richtig. Und nachdem ich den Text ausgedruckt hatte - ich hatte am Bildschirm Probleme - finde ich auch, daß er nicht übermäßig durch Wissenschaftsjargon belastet ist.

Schönen Gruß Michael Charlier

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