www.dichtung-digital.de/Autoren/Loeser/30-Nov-99


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Schluß

Für Hypertexte wie auch für das Internet gilt, daß Übertreibungen, Idealisierungen und utopische Überzeichnungen kritisch hinterfragt werden müssen. Es ist abzusehen, daß sich auch hinter der Computertechnologie nicht die elegante Lösung alter Probleme verbirgt, sondern daß bekannte Konfliktszenarien in womöglich transformierter Form erneut auftreten. Obwohl der Computer in einzigartiger Weise in der Lage ist, die Sinne des Rezipienten zu täuschen und zu überwältigen, indem er fiktive Welten der Simulation erzeugt, bleiben nämlich auch das Internet und Hypertexte eingebunden in reale Kontexte wie Wirtschaftsabläufe, die Konstruktion sozialer Networks oder die Händel um symbolische Kapitalien wie das Prestige der Gewinner von Hypertextwettbewerben. Wenn der Eindruck entsteht, Internet oder Hypertexte wären als Medien prädestiniert, die Verhandlungen kultureller und gesellschaftlicher Konflikte endgültig aus dem Bereich des Literarischen zu verbannen oder gar zur Gänze obsolet werden zu lassen, dann ist das ein bloßer Trugschluß.

Lebensweltliche Problemlagen werden, so läßt sich argumentieren, in den neuen Medien gerade nicht bewältigt, sondern ausgeblendet und auf ungewisse Zeit vertagt - sie können jederzeit wiederkehren und treffen dann möglicherweise auf einen unvorbereiteten Computerbenutzer. Dieser Nutzer hat schließlich nur wenig Gelegenheit, von seinen Kommunikationen am Computer "fürs Leben" zu lernen. Es bietet sich ihm nur wenig Anlaß, die Daten auf der Bildschirmoberfläche mit der eigenen Erfahrungswirklichkeit in Verbindung zu bringen. Allzuoft entstehen lediglich "possible worlds" im Kopf, deren Vorhandensein im Belanglosen verbleibt und auf keine produktive Auseinandersetzung mit der Realität hinausläuft. Diese Tendenz muß aber nicht noch durch Liebäugeln mit dekonstruktivistischen Thesen verstärkt werden, sondern es wäre eine viel reizvollere Aufgabe, die Potentiale von Hypertext und Computertechnologie als Instrumente im kritischen Umgang mit Alltagsproblemen aufzufinden und zu nutzen, statt die neuen Medien immer nur als Qualitätssprung, als Überwindung des Alltags, anzupreisen.

Wo genau könnten solche Potentiale liegen? Das Medium Hypertext sollte, wie gesagt, nicht als Konkretisierung oder Versinnbildlichung einer Utopie mißverstanden werden. Es ist nicht mehr und nicht weniger als ein neues Kommunikationswerkzeug mit neuen Möglichkeiten, Varianten von literarischen oder Gebrauchstexten zu etablieren. Vor dem Hintergrund dieses Werkzeugcharakters erscheinen die eingangs erwähnten utopischen Aufladungen von Hypertext und Internet als das, was sie sind: lautstarke Äußerungen partikularer Interessen der Dekonstruktion oder der Mediendeterministen, die jeweils ihrer Sache neue Munition zuzuführen bestrebt sind. Daneben gibt es weniger medienwirksame, dafür aber umso pragmatischere, ergebnisorientiertere Herangehensweisen an das Medium. Hier ist etwa an Lernprogramme zu denken, die die synästhetische Komponente des Mediums nutzen, um ein besseres Lernen dank anschaulicherer Lehrmittel zu fördern. Die geringen Kosten des Internets als Vertriebsweg lassen es auch angeraten erscheinen, global auftretende Informations- und Bildungsgefälle mit Hilfe des neuen Mediums Hypertext (unter Einschluß relationaler Datenbanken) effektiver anzugehen. Schließlich geben Hypertexte und das Internet breiten Bevölkerungskreisen die Möglichkeit an die Hand, sich als Interessengruppen zu vernetzen - es sind neue Anreize gesetzt, sich an den bekannten Organisationsformen politischer Meinungsbildung und Partizipation zu beteiligen. Hier liegen einige der konkreten Möglichkeiten für Hypertext; ob das neue Medium die Welt und den Menschen grundlegend verändern wird, kann demgegenüber heute nur von untergeordnetem Interesse sein.

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