www.dichtung-digital.de/2001/07/17-Simanowski

Zur Ästethik der Lüge
Gefälschte Websites und Hochstapler

von Roberto Simanowski

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Website-Fälschung als Kunst

Genau dies geschah im April, als man unter www.bmdi.de erfuhr, dass das Bundesministerium das Nazi-Line-Projekt des Berliner Aktionskünstlers Christoph Schlingensief unterstützte, der in Zürich mit Neonazis den "Hamlet" inszenieren und so gewissermaßen Resozialisierung mit den Mitteln des Theaters durchführen will. Die Site zum Projekt heisst www.naziline.com, dort stand die Meldung zuerst und von dort führte der Link zu www.bmdi.de, wo sie bestätigt wurde. Die Meldung schließt natürlich an die in den vorangegangenen Monaten bundesweit diskutierten Resozialisierungmaßnahmen für Aussteiger aus der rechten Szene an und klingt insofern durchaus plausibel. Falsch ist sie trotzdem, denn die richtige Website des Bundesministeriums befindet sich unter www.bmi.bund.de. Die Wiener Künstlergruppe ubermorgen hatte die eigenwillige Adressierung des Bundesministeriums ausgenutzt und unter dem viel plausibler klingenden URL bmdi getreu kopiert, mit Ausnahme freilich des genannten Zusatzes.

Hinter ubermorgen, das sei der wichtigen Zusammenhänge wegen gleich erwähnt, stehen Hans Bernhard und Maria Haas, die zusammen mit Schlingensief naziline.com betreiben. Insofern steht die Aktion natürlich auch im Verdacht der Selbstvermarktung Schlingensiefs im Vorfeld der Hamlet-Premiere am 10. Mai und insofern bleibt ungewiss, wieviel ehrliches Thematisieren darin steckt, dem Bundesministerium des Innern etwas zu unterstellen, was, wenn es auch nicht wahr ist, doch zumindest ernsthaft diskutiert werden könnte, nach dem Motto: Warum eigentlich unterstützt das Bundesministerium Naziline nicht wirklich? Aber wer sich über diese unverfrorene Selbstvermarktung wundert, hat den Aktionskünstler Schlingensief wohl noch nie in Aktion erlebt und überhaupt die aktuellen Tendenzen des Kulturbetriebs verschlafen. Der wird dann an dieser Stelle auch mit Genugtuung lesen, dass das Bundesministerium sich den Spaß verbeten und die Gruppe ubermorgen mit Nachdruck und Erfolg auf die Rechtslage aufmerksam gemacht hat.

Die hochstaplerische Website www.bmdi.de ist vom Netz, wobei der Sieg des mächtigen Ministerium nicht verhindern konnte, dass die lügenden Künstler sich mit einer Lüge verabschieden: "Bund mittelständischer deutsche Industrie. bmdi.de" liest man auf www.bmdi.de jetzt und: "Unser Angebot steht in Kürze wieder komplett zur Verfügung. Wenn Sie unsere alte Site suchen, klicken Sie bitte hier" - und "hier" führt dann zur richtigen Site nicht etwa des Bundes mittelständischer deutscher Industrie, sondern des Bundesministeriums des Innern. Screenshot sei Dank ist der Fake festgehalten und belegt, und so hat Ernst Corinth in seinem Telepolis-Beitrag vom 19.4.2001 gezeigt, wie die Seite aussah, ehe die Staatsräson zugriff - wenn, ja wenn der Screenshot kein Fake ist, denn so eine Website kann sich schließlich jeder nachbauen und dann fotografieren.

Dass im Telepolis-Forum zu Corinths Beitrag auch ein Herr Schily auftritt und sich den Vergleich seiner Person mit Stalin verbietet, wird kaum mehr verwundern; wie es auch nicht sehr beeindruckt, denn was ist im Netz schon die Fälschung eines Absenders gegen die Fälschung einer Adresse.

Aber zurück zum 'anderen Kaliber' dieses Schwindels. Die von ubermorgen unternommene Aktion wiegt doppelt schwerer als die Plänkeleien in Oberbayern: Sie wagt sich an ein mächtiges Gegenüber und sie tut dies mit einem reflektierten künstlerischen Konzept als Manifest und Rückendeckung. Dies bemerkt man bereits auf der Splashpage von www.ubermorgen.com, die den Besucher in einem JavaWindow und der Frage "online polls: can we trust 'em!" empfängt. Die Frage ist mit ihrem 'em statt them salopp formuliert, endet mit einem Ausrufezeichen und ist natürlich auch insofern paradox, als sie selbst ein online poll darstellt, denn der Besucher soll nun entweder yes, no oder i don't know markieren, woraufhin ihm das Ergebnis angezeigt wird, das die eigene Stimme schon mitzählt. Wer es prüft, wird sehen, dass das Programm zuverlässig arbeitet, denn auch die nächste Stimme wird genau in der Rubrik hinzugefügt, für die man votierte. Insofern scheint man online polls also durchaus glauben dürfen, wenn da nicht der Umstand wäre, dass man soeben zwei Stimmen abgegeben hat und sich nun fragen muss, wie repräsentativ dann die anderen Stimmen und all die Stimmen all der anderen Online-Umfragen sind. Das ist Learning by doing in bester aufklärerischer Tradition - eine CGI-Spielerei, die zugleich das eigene Medium kritisch reflektiert.

 

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