Hinter
ubermorgen, das sei der wichtigen Zusammenhänge
wegen gleich erwähnt, stehen Hans Bernhard und Maria
Haas, die zusammen mit Schlingensief naziline.com betreiben.
Insofern steht die Aktion natürlich auch im Verdacht
der Selbstvermarktung Schlingensiefs im Vorfeld der
Hamlet-Premiere am 10. Mai und insofern bleibt ungewiss,
wieviel ehrliches Thematisieren darin steckt, dem
Bundesministerium des Innern etwas zu unterstellen, was,
wenn es auch nicht wahr ist, doch zumindest ernsthaft
diskutiert werden könnte, nach dem Motto: Warum
eigentlich unterstützt das Bundesministerium Naziline
nicht wirklich? Aber wer sich über diese unverfrorene
Selbstvermarktung wundert, hat den Aktionskünstler
Schlingensief wohl noch nie in Aktion erlebt und
überhaupt die aktuellen Tendenzen des Kulturbetriebs
verschlafen. Der wird dann an dieser Stelle auch mit
Genugtuung lesen, dass das Bundesministerium sich den
Spaß verbeten und die Gruppe
ubermorgen mit
Nachdruck und Erfolg auf die Rechtslage aufmerksam gemacht
hat.
Die hochstaplerische Website
www.bmdi.de ist vom Netz, wobei der Sieg des mächtigen
Ministerium nicht verhindern konnte, dass die lügenden
Künstler sich mit einer Lüge verabschieden: "Bund
mittelständischer deutsche Industrie. bmdi.de" liest
man auf www.bmdi.de jetzt und: "Unser Angebot steht in
Kürze wieder komplett zur Verfügung. Wenn Sie
unsere alte Site suchen, klicken Sie bitte hier" - und
"hier" führt dann zur richtigen Site nicht etwa des
Bundes mittelständischer deutscher Industrie, sondern
des Bundesministeriums des Innern. Screenshot sei Dank ist
der Fake festgehalten und belegt, und so hat Ernst Corinth
in seinem
Telepolis-Beitrag
vom 19.4.2001 gezeigt, wie die Seite aussah, ehe die
Staatsräson zugriff - wenn, ja wenn der Screenshot kein
Fake ist, denn so eine Website kann sich schließlich
jeder nachbauen und dann fotografieren.
Dass im Telepolis-Forum zu
Corinths Beitrag auch ein Herr Schily auftritt und sich den
Vergleich seiner Person mit Stalin verbietet, wird kaum mehr
verwundern; wie es auch nicht sehr beeindruckt, denn was ist
im Netz schon die Fälschung eines Absenders gegen die
Fälschung einer Adresse.
Aber zurück zum
'anderen Kaliber' dieses Schwindels. Die von
ubermorgen unternommene Aktion wiegt doppelt schwerer
als die Plänkeleien in Oberbayern: Sie wagt sich an ein
mächtiges Gegenüber und sie tut dies mit einem
reflektierten künstlerischen Konzept als Manifest und
Rückendeckung. Dies bemerkt man bereits auf der
Splashpage von www.ubermorgen.com, die den Besucher in einem
JavaWindow und der Frage "online polls: can we trust 'em!"
empfängt. Die Frage ist mit ihrem 'em statt them salopp
formuliert, endet mit einem Ausrufezeichen und ist
natürlich auch insofern paradox, als sie selbst ein
online poll darstellt, denn der Besucher soll nun entweder
yes, no oder i don't know markieren,
woraufhin ihm das Ergebnis angezeigt wird, das die eigene
Stimme schon mitzählt. Wer es prüft, wird sehen,
dass das Programm zuverlässig arbeitet, denn auch die
nächste Stimme wird genau in der Rubrik
hinzugefügt, für die man votierte. Insofern
scheint man online polls also durchaus glauben dürfen,
wenn da nicht der Umstand wäre, dass man soeben zwei
Stimmen abgegeben hat und sich nun fragen muss, wie
repräsentativ dann die anderen Stimmen und all die
Stimmen all der anderen Online-Umfragen sind. Das ist
Learning by doing in bester aufklärerischer Tradition -
eine CGI-Spielerei, die zugleich das eigene Medium kritisch
reflektiert.
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