www.dichtung-digital.de/2001/06/10-Simanowski

Olia Lialina: My boyfriend came back from the war

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Rezeptionsgeschichte

Lialinas Werk wird zuweilen unter Netzkunst verbucht (vgl. Tilman Baumgärtels "Netzkunst"-Band), wofür sie gleich selbst ein schelmisches Argument liefert: "Wenn es im Netz ist und wenn es Kunst ist, dann ist es Netzkunst (lacht)." ("Netzkunst", Verlag für moderne Kunst Nürnberg 1999, S. 131) Abgesehen davon, dass das Stück nicht netzspezifisch ist und ebensogut auf einer CD-ROM funktionieren würde, ist freilich auch zu fragen, warum Kunst und nicht Literatur. Wenn es irgendeine Berechtigung gibt, beides auseinanderzuhalten, und wenn der narrative Aspekt - gegenüber dem der Installation etwa - dabei ein Kriterium ist, dann wäre hier von digitaler Literatur zu sprechen, die mit den Mitteln des digitalen Mediums - Link und räumliche Verteilung des Textes - eine dramatische Situation aufbaut und zu lösen versucht.

Den narrativen Aspekt - einschließlich seiner experimentellen Vorstöße - teilt die Literatur zwar mit dem Film, dennoch ist es irreführend, hier von einem Netzfilm (Baumgärtel) zu sprechen, da weder die Aufteilung der Bühne noch die Beteiligung der Leser an der Werkgestalt dem Prinzip des Films entspricht. Ein Film liegt eher im Hinblick auf Marton Fernezelyis als avi-, mpg- oder rm-Dateien festgehaltene Lesarten vor, die dann aber eben auch nur eine Variante des Werks sind, das sie aus einem Hypertext wieder zurückversetzen in einen linearen. Mit "My boyfriend came back from the war" hat die einstige Filmkritikerin und -macherin Lialina völlig neuen Boden des Erzählens betreten und dieser ist am ehesten als der der digitalen Literatur zu bezeichnen.

Tilman Baumgärtels Interview mit Lialina verdanken wir die Einblicke in die Entstehungsgeschichte des Werks. Die erste Zeile sind faktisch zwei Sätze, die Lialina schon seit ihrem 13. Lebensjahr mit sich umhertrug. Als dann 1996 ein Filmemacher im "CinePhantom" - dem von Lialina kuratierten Moskauer Filmklub - ein Foto von sich machen ließ und Lialina sich dazusetzte, von ihm abgewandt, war nach dem Eingangssatz auch das Eingangsfoto gefunden; "von da aus geht es tiefer und tiefer". Dass es sich beim berichteten Sündenfall nicht um eine Autobiographie handelt, hat Lialina oft genug betont, und für die Sache selbst ist diese Frage auch völlig sekundär. Ebenso hat Lialina betont, dass die Bilder nicht etwa Berichten vom Krieg in Tschetschenien entnommen sind, sondern dem Hollywood-Film "Broken Arrow" (von John Woo mit John Travolta und Christian Slater), mit dessem blinden, erzählschwachen Aktionismus ihr Werk sonst glücklicherweise nichts gemein hat (außer das "20th Century Fox"-Label, das in einem der letzten Frames erscheint).

Einblicke in die Rezeptionsgeschichte des Werkes verdanken wir wiederum der Leserschafft, die sich in vielfältigster Form zu diesem Werk in Beziehung gesetzt hat. Die angehängte Linkliste - die passend als "Museum" gelabelt wird und die Armin Medosch ebenso passend "Reiseführer zu den Stationen eines Netzkunstwerks" nennt - macht neben den erwähnten audiovisuellen Dateien auch eine Animation von Mike Konstantinov zugänglich, die den Titel wieder aus dem Text löst und ironisiert (2000) (vgl. Abb.), eine Zeichnung von Masha Boriskina, die eine bestimmte Bildschirmsituation abmalt, eine Flash-Version von Auriea Harvey und Michael Samyn (2000), in der alle Images des Werkes vom Boden des Bildschirms immer wieder in den Himmel schweben, und selbst ein Screensaver ist zu haben sowie das T-Shirt zum Werk für $30.

In Vadim Epsteins Remix (1998) ist der gesamteText durch Bilder ersetzt, die z.T. recht kurios sind und erst auf dem Hintergrund der Textkenntnis eine tiefergehende Semantik entwickeln können: Man sieht Männer in historischen Soldatenkostümen aus alten Gewehren schiessen wie bei einem Volksfest; man sieht richtige Soldaten, man sieht Leute, die jubelnd um ein Feuer stehen, das wie Bücherverbrennung aussieht, das "20th Century Fox"-Label weicht dem "The Wonderful World of Disney"-Image. Bemerkenswet ist, dass Epstein gerade auf jenes Bild, das das Pärchen in der Umarmung zeigt, unvermittelt einen Link an die (imitierte) Stelle im Original setzt, an der es u.a. heisst: "But... it was only once... Last summer... And if you think...Why I should explain?...Don't you see?" - Als bliebe die Wunde im Hintergrund und könne jederzeit wieder aufbrechen.

Edmund Yus Kommentar wird unter Critic geführt und bringt neben der Erklärung des technisches Verfahrens eine recht optimistische Sicht auf die Geschichte: "a story about a man who gets drafted to go to war. His wife tells him that she would wait for him as she says goodbye. As time went by, the spouse starts an affair with their neighbor. The husband comes back from the war, and finds out about the affair. He wants to kill the neighbor. As time goes by, all is forgotten, and they get married." Eine viel zu harmlose Lesart, der nicht nur der Text widerspricht, sondern auch das Verfahren seiner Präsentation und v.a. das Endbild, dieses Tableau aus mehreren schwarzen Feldern, wie lauter dunkle, klaffende Wunden. Liliana hätte nach dem Heiratsversprechen die Matroschka-Situation beenden, alle Frames schließen und mit einem anderen Bild - beide nun einander zugewandt - enden können. Sie hat es nicht getan und das bekommt dem Werk zweifellos.

Florian Schneider offerierte 2000 eine mailinglist "devoted to persons, who came back from the war: as winner or loosers, deserters and refugees", und "will inform about urgent actions, action alerts and e-mail campaigning concerning those, who left the war behind." Der Link zum Archiv der bisher eingegangenen Postings funktioniert zwar nicht mehr, aber auch davon abgesehen belegen die vielfältigen Reaktionen, die Lialinas Werk hervorgerufen hat, die Bedeutung dieses Stücks in der Szene der Netz- bzw. digitalen Kunst bzw. Literatur. Das Werk vereint in seinem Anhang eine kleine Community, die durch die Homepages, Biographien und Fotos aller Beteiligten sogar buchstäblich Gestalt annimmt. Ein Glücksfall der Wirkungsgeschichte.

Die Pointe dieser Wirkungsgeschichte liegt darin, dass die Archivierung nicht nur die Navigation anderer durch und die kreative Reaktion auf den Text festhält, sondern auch Elemente des Textes selbst dem Verborgenen entlockt. Im Real Palyer sieht man im allerletzten Frame der von Marton Fernezelyi festgehaltenen Lektüre unten rechts plötzlich die Zeile "Look its so beautiful!" aufleuchten. Diese Zeile, die zuvor schon einmal im Hinblick auf das neue Kleid auftauchte, war sowohl im NS- wie im IE-Browser nicht zu sehen gewesen. Schaut man in der Source nach, findet man sie allerdings. Sie ist in der gleichen weißen Farbe gehalten wie der Hintergrund und deswegen nicht erkennbar. "It was made invisible to be an invisible link. You can see it if you select it", erklärt Olia Lialina in einer Mail, und vielleicht war der Link ja in früheren Browsern wirklich bei Mauskontakt sichtbar - in der 4er und 5er Generation jedenfalls zeigt sich der Text nur, wenn man die gedrückte Maus etwas über ihm verschiebt (und auch das nur bei Netscape).

Was auch immer diese Zeile für den Ausgang der Geschichte bedeuten mag - Ist sie eine melancholische Verstärkung der ausweglosen Situation? Ist sie, als versteckter Text, ein ironischer Kommentar auf das geschaffene Werk? -, was immer diese geheime Botschaft vermitteln soll, es ist paradox, dass sie dem Text (auf seiner Oberflächenebene des Bildschirms) erst durch die festgehaltene Lektüre eines Lesers hinzugegeben wird. Und wie die Auskunft der Autorin zeigt, war dies so gar nicht beabsichtigt: jeder Leser, jede Leserin sollte dem versteckten Text beim Rausgehen begegnen. Ich hätte ihn, ohne Marton Fernezelyi, verfehlt. Fernezelyis Lektüre ist - eine Curiosität, die nur in den digitalen Medien passieren kann - Aufdeckung, aber nicht hermeneutischer, sondern dokumentarischer Provenienz.


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