Den
narrativen Aspekt - einschließlich seiner
experimentellen Vorstöße - teilt die Literatur
zwar mit dem Film, dennoch ist es irreführend, hier von
einem
Netzfilm (Baumgärtel) zu sprechen, da
weder die Aufteilung der Bühne noch die Beteiligung der
Leser an der Werkgestalt dem Prinzip des Films entspricht.
Ein Film liegt eher im Hinblick auf Marton Fernezelyis als
avi-, mpg- oder rm-Dateien festgehaltene Lesarten vor, die
dann aber eben auch nur eine Variante des Werks sind, das
sie aus einem Hypertext wieder zurückversetzen in einen
linearen. Mit "My boyfriend came back from the war" hat die
einstige Filmkritikerin und -macherin Lialina völlig
neuen Boden des Erzählens betreten und dieser ist am
ehesten als der der digitalen Literatur zu bezeichnen.
Tilman Baumgärtels
Interview mit Lialina verdanken wir die Einblicke in die
Entstehungsgeschichte des Werks. Die erste Zeile sind
faktisch zwei Sätze, die Lialina schon seit ihrem 13.
Lebensjahr mit sich umhertrug. Als dann 1996 ein Filmemacher
im "CinePhantom" - dem von Lialina kuratierten Moskauer
Filmklub - ein Foto von sich machen ließ und Lialina
sich dazusetzte, von ihm abgewandt, war nach dem
Eingangssatz auch das Eingangsfoto gefunden; "von da aus
geht es tiefer und tiefer". Dass es sich beim berichteten
Sündenfall nicht um eine Autobiographie handelt, hat
Lialina oft genug betont, und für die Sache selbst ist
diese Frage auch völlig sekundär. Ebenso hat
Lialina betont, dass die Bilder nicht etwa Berichten vom
Krieg in Tschetschenien entnommen sind, sondern dem
Hollywood-Film "Broken Arrow" (von John Woo mit John
Travolta und Christian Slater), mit dessem blinden,
erzählschwachen Aktionismus ihr Werk sonst
glücklicherweise nichts gemein hat (außer das
"20th Century Fox"-Label, das in einem der letzten Frames
erscheint).
Einblicke in die
Rezeptionsgeschichte des Werkes verdanken wir wiederum der
Leserschafft, die sich in vielfältigster Form zu diesem
Werk in Beziehung gesetzt hat. Die angehängte
Linkliste
- die passend als "Museum" gelabelt wird und die
Armin
Medosch ebenso
passend "Reiseführer zu den Stationen eines
Netzkunstwerks" nennt - macht neben den erwähnten
audiovisuellen Dateien auch eine
Animation
von Mike Konstantinov zugänglich, die den Titel wieder
aus dem Text löst und ironisiert (2000) (vgl. Abb.),
eine
Zeichnung
von Masha Boriskina, die eine bestimmte Bildschirmsituation
abmalt, eine
Flash-Version
von Auriea Harvey und Michael Samyn (2000), in der alle
Images des Werkes vom Boden des Bildschirms immer wieder in
den Himmel schweben, und selbst ein Screensaver ist zu haben
sowie das T-Shirt zum Werk für $30.
In Vadim Epsteins
Remix
(1998) ist der gesamteText durch Bilder ersetzt, die z.T.
recht kurios sind und erst auf dem Hintergrund der
Textkenntnis eine tiefergehende Semantik entwickeln
können: Man sieht Männer in historischen
Soldatenkostümen aus alten Gewehren schiessen wie bei
einem Volksfest; man sieht richtige Soldaten, man sieht
Leute, die jubelnd um ein Feuer stehen, das wie
Bücherverbrennung aussieht, das "20th Century
Fox"-Label weicht dem "The Wonderful World of Disney"-Image.
Bemerkenswet ist, dass Epstein gerade auf jenes Bild, das
das Pärchen in der Umarmung zeigt, unvermittelt einen
Link an die (imitierte) Stelle im Original setzt, an der es
u.a. heisst: "But... it was only once... Last summer... And
if you think...Why I should explain?...Don't you see?" - Als
bliebe die Wunde im Hintergrund und könne jederzeit
wieder aufbrechen.
Edmund Yus Kommentar wird
unter
Critic
geführt und bringt neben der Erklärung des
technisches Verfahrens eine recht optimistische Sicht auf
die Geschichte: "a story about a man who gets drafted to go
to war. His wife tells him that she would wait for him as
she says goodbye. As time went by, the spouse starts an
affair with their neighbor. The husband comes back from the
war, and finds out about the affair. He wants to kill the
neighbor. As time goes by, all is forgotten, and they get
married." Eine viel zu harmlose Lesart, der nicht nur der
Text widerspricht, sondern auch das Verfahren seiner
Präsentation und v.a. das Endbild, dieses Tableau aus
mehreren schwarzen Feldern, wie lauter dunkle, klaffende
Wunden. Liliana hätte nach dem Heiratsversprechen die
Matroschka-Situation beenden, alle Frames schließen
und mit einem anderen Bild - beide nun einander zugewandt -
enden können. Sie hat es nicht getan und das bekommt
dem Werk zweifellos.
Florian Schneider offerierte
2000 eine
mailinglist
"devoted to persons, who came back from the war: as winner
or loosers, deserters and refugees", und "will inform about
urgent actions, action alerts and e-mail campaigning
concerning those, who left the war behind." Der Link zum
Archiv der bisher eingegangenen Postings funktioniert zwar
nicht mehr, aber auch davon abgesehen belegen die
vielfältigen Reaktionen, die Lialinas Werk
hervorgerufen hat, die Bedeutung dieses Stücks in der
Szene der Netz- bzw. digitalen Kunst bzw. Literatur. Das
Werk vereint in seinem Anhang eine kleine Community, die
durch die Homepages, Biographien und
Fotos
aller Beteiligten sogar buchstäblich Gestalt annimmt.
Ein Glücksfall der Wirkungsgeschichte.
Die Pointe dieser
Wirkungsgeschichte liegt darin, dass die Archivierung nicht
nur die Navigation anderer durch und die kreative Reaktion
auf den Text festhält, sondern auch Elemente des Textes
selbst dem Verborgenen entlockt. Im Real Palyer sieht man im
allerletzten Frame der von Marton Fernezelyi festgehaltenen
Lektüre unten rechts plötzlich die Zeile "Look its
so beautiful!" aufleuchten. Diese Zeile, die zuvor schon
einmal im Hinblick auf das neue Kleid auftauchte, war sowohl
im NS- wie im IE-Browser nicht zu sehen gewesen. Schaut man
in der Source nach, findet man sie allerdings. Sie ist in
der gleichen weißen Farbe gehalten wie der Hintergrund
und deswegen nicht erkennbar. "It was made invisible to be
an invisible link. You can see it if you select it",
erklärt Olia Lialina in einer Mail, und
vielleicht war der Link ja in früheren Browsern
wirklich bei Mauskontakt sichtbar - in der 4er und 5er
Generation jedenfalls zeigt sich der Text nur, wenn man die gedrückte Maus etwas über
ihm verschiebt (und auch das nur bei Netscape).
Was auch immer diese Zeile
für den Ausgang der Geschichte bedeuten mag - Ist sie
eine melancholische Verstärkung der ausweglosen
Situation? Ist sie, als versteckter Text, ein ironischer
Kommentar auf das geschaffene Werk? -, was immer diese
geheime Botschaft vermitteln soll, es ist paradox, dass sie
dem Text (auf seiner Oberflächenebene des Bildschirms)
erst durch die festgehaltene Lektüre eines Lesers
hinzugegeben wird. Und wie die Auskunft der Autorin zeigt,
war dies so gar nicht beabsichtigt: jeder Leser, jede
Leserin sollte dem versteckten Text beim Rausgehen begegnen.
Ich hätte ihn, ohne Marton Fernezelyi, verfehlt.
Fernezelyis Lektüre ist - eine
Curiosität, die nur in den digitalen Medien passieren
kann - Aufdeckung, aber nicht
hermeneutischer, sondern dokumentarischer Provenienz.
home